WTTC: Was bedeutet Resilienz für den Tou... Plus Artikel
 
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Was bedeutet Resilienz für den Tourismus?

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Resilienz im Tourismus wird vielfach gefordert, aber auch unterschiedlich definiert. Je nach Standort, Klima und Abhängigkeit vom Tourismus fällt die Priorisierung und Definition von Resilienz anders aus.

Auf die Frage, was Resilienz für eine Destination bedeutet, werden die unterschiedlichsten Antworten gegeben, wie eine kürzlich veröffentlichte Umfrage des WTTC zeigt. Zu den häufigsten Antworten gehörten der Erhalt von Arbeitsplätzen, eine schnelle Anpassung an neue Besuchermärkte, das Einführen wirksamer Verfahren zum Schutz vor Naturkatastrophen sowie die Einbindung der lokalen Bevölkerung in touristische Aktivitäten. Es überrascht daher nicht, dass die verschiedenen Prioritäten je nach Standort, Klima, Besuchermischung und Bindung an den Tourismus unterschiedlich ausfallen. 

Reiseziele, die dem Klimarisiko und extremen Wetterbedingungen am stärksten ausgesetzt sind, werden sich bei der Resilienz ihrer Reiseziele in der Regel auf Umwelt- und Infrastrukturthemen konzentrieren. Diejenigen, die in hohem Maße von den Einnahmen aus dem Tourismus abhängig sind, konzentrieren sich eher auf die wirtschaftliche und soziale Widerstandsfähigkeit, insbesondere auf die Fähigkeit des Reiseziels, seiner Unternehmen und seiner Arbeitskräfte, sich im Falle von Krisen schnell anzupassen.

Reiseziele mit saisonaler oder konzentrierter Nachfrage konzentrieren sich eher darauf, ein Gleichgewicht zwischen Besucher:innen und Einheimischen zu finden, um die gesellschaftliche Akzeptanz von Reisen und Tourismus sicherzustellen.

Pandemie war Ausnahmezustand

Die COVID-19-Pandemie stellte jedoch alle Destinationen vor ein gemeinsames Problem, nämlich dem vollständigen Ausbleiben von Touristen in jeglicher Hinsicht. Während das weltweite BIP im Jahr 2020 um 3,3 % gegenüber dem Vorjahr zurückging, sank das mit der Reise- und Tourismusbranche verbundene BIP im gleichen Zeitraum um 50,4 % und wird voraussichtlich erst 2023 wieder das Niveau von 2019 erreichen. Mehr als 60 Mio. Arbeitsplätze in der Reise- und Tourismusbranche gingen verloren, Milliarden von Reisen wurden nicht unternommen, und viele Reiseziele begannen erst Anfang 2022 mit ihrem Neustart und ihrer Erholung.

Das WTTC hat deshalb ein allgemeines Konzept von Resilienz entwickelt, das ein wenig mit dem vergleichbar ist, was einen Menschen resilient macht. Wenn ein Kind als "resilient" bezeichnet wird, bedeutet dies in der Regel, dass es eine starke Fähigkeit hat, Abenteuer, Krisen oder Traumata zu überstehen und durch Anpassung, Lernen und Risikobewältigung an Stärke zu gewinnen. Der Satz "Was dich nicht umbringt, macht dich stärker" ist ebenfalls von Bedeutung, da er den zeitlichen Aspekt einführt, der Resilienz angesichts einmaliger oder wiederholter Krisen mit der Idee des Fortschritts verknüpft und somit eine langfristige, nachhaltige Komponente mitdenkt. 

Endlich wird's konkret

Im Kontext des Tourismus hat der World Travel & Tourism Council (WTTC) demnach in Bezug auf das Konzept der Resilienz einen neuen Bericht mit praktischen Leitlinien und Fallstudien im Ramen seines Nachhaltigkeits- und Investitionsforum in San Juan, Puerto Rico veröffentlicht. Terroranschläge und Gesundheitsrisiken haben wertvolle Lehren gezogen und die Reiseziele dazu veranlasst, ihr Angebot, ihren Betrieb und ihre Verwaltungsmodelle anzupassen. Auch die rasche Veränderung des Klimas stellt weiterhin eine wachsende Bedrohung für den Reise- und Tourismus. Der Bericht soll Reiseziele daher unterstützen, widerstandsfähiger und gleichzeitig nachhaltiger zu werden. 

Der Schwerpunkt dabei liegt aber weder auf der akademischen Definition, noch in den theoretischen Rahmenbedingungen für den Aufbau von Resilienz, sondern vielmehr zeigt der Bericht praktische Maßnahmen vor Ort auf. Es werden konkrete Maßnahmen beschrieben, die Reiseziele ergreifen können und bereits ergreifen, um aus den jüngsten und aktuellen Ereignissen zu lernen, sich auf die nächste Krise vorzubereiten und die die langfristige Nachhaltigkeit ihrer sich entwickelnden Tourismusaktivitäten zu gewährleisten.

Resilienz und Nachhaltigkeit

Im Zentrum von Resilienz und Nachhaltigkeit steht das Risiko bzw. die Unsicherheit. Reiseziele, politische Entscheidungsträger, Unternehmen und Reisende treffen ständig Entscheidungen auf der Grundlage von Bewertungen von Gefahren und daraus resultierenden Risiken. Manchmal sind diese relativ bekannt und gut verstanden (z. B. die Wahrscheinlichkeit, dass das Wetter auf Mallorca im Juli warm und sonnig sein wird), manchmal aber auch nicht (z. B. die Wahrscheinlichkeit eines Terroranschlags im Zentrum Londons).

Während es bei der Nachhaltigkeit im Großen und Ganzen darum geht, ununterbrochenen Wohlstand zu gewährleisten, geht es bei der Resilienz um die Bewältigung von Belastungen, Krisen oder Ereignissen umzugehen, die vielleicht nicht vorhergesagt wurden, die aber zu Bedingungen führen, die weit außerhalb des "normalen" oder "Business-as-usual"-Bedingungen an einem Zielort führen.

Ist Resilienz eine Voraussetzung für Nachhaltigkeit? Und vice versa?

Diskutiert wurde u.a. zudem, ob sich Resilienz und Nachhaltigkeit gegenseitig bedingen. Der Weg von der Resilienz zur Nachhaltigkeit ist allerdings definitv leichter als umgekehrt – ohne Resilienz wird das Erreichen der Ziele für nachhaltigen Tourismus oder nachhaltige Entwicklung praktisch unmöglich. Da extreme Wetterereignisse, politische Instabilität und und Pandemien immer häufiger auftreten oder vorhergesagt werden, wird die Verwirklichung der UN-Ziele für nachhaltige Entwicklung (SDGs) eine immer größere Anpassungsfähigkeit erfordern.

Den vollständigen WTTC-Bericht finden Interessierte hier.

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