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Tourist Guide – ein Berufsbild auf neuen Wegen

Wer für diesen Beruf keine Leidenschaft mitbringt, hatte in den letzten Jahren ein schweres Los. Stammgast.Online-Autorin Brigitte Charwat begleitete Tanja Rosenberger durch Wien.

Tourist Guide – ein Berufsbild auf neuen Wegen

Wo kein Städtetourismus, da auch kein Geschäft für die Tourguides, die eigentlich Fremdenführer heißen, was aber so gar nicht mehr ins heutige Sprachbild und zu den modernen Stadtspaziergängern passt. Die sind jetzt endlich wieder unterwegs und bringen, wie Tanja Rosenberger (TaRo), dem Besucher Wien auch abseits der touristischen Rennstrecken in lebendiger Form näher. stammast.online war mit der erfahrenen Touristikerin und jungen Austria Guide:in auf den Spuren großer österreichischer Töchter unterwegs und hat dabei viel über das Berufsbild Tourguide erfahren.

Mehr als Wikipedia auf zwei Beinen

Was wir auf diesem Stadtspaziergang, der uns vom wichtigsten Herrscherdenkmal der Habsburgermonarchie vom Maria-Theresien-Platz über die Hofburg, zur Minoritenkirche, weiter in die Herrengasse, Bankgasse und Löwelstraße bis zum Wiener Burgtheater, Café Landtmann und finaly zur Alma Mater Rudolphina Vindobonensis führt, bald feststellen: Tourguides sind sehr viel mehr als bloß ein Wikipedia auf zwei Beinen. Dabei hätte diese „Frauen in Wien Tour“ – penibel von Tanja Rosenberger recherchiert und ausgearbeitet –größtes Jahreszahlenpotenzial. Angefangen von der gerade mal elf Zentimeter großen und steinalten Venusfigur, die im Naturhistorischen Museum ihre prallen Formen zeigt, den vielen Kindern, die Maria Theresia im Sinne der Habsburger Krone stets gut zu verheiraten wusste und Österreichs Herrscherin damit zur berühmtesten Schwiegermutter Europas wurde bis zu den vielen Künstlerinnen, Schauspielerinnen, Schriftstellerinnen, Politikerinnen, Wissenschaftlerinnen, Nobelpreisträgerinnen, Widerstandskämpferinnen, Trümmerfrauen und braven Arbeiterinnen, die Österreich ein Gesicht gaben, und denen, wenn auch immer noch nicht ausreichend, ein gebührender Platz in der Geschichte unseres Landes zukommt. Und dennoch, auch wenn in den letzten Jahren ein paar mehr Straßen und Plätze nach engagierten, mutigen und klugen Frauen benannt wurden, gibt es in Wien immer noch zu wenige Denkmäler für Frauen, sagt Tanja Rosenberger zur Einstimmung und verweist auch gleich auf sieben neuere Frauendenkmäler an der Uni Wien, die aber auch schon sechs Jahre alt sind.

Vom Reiseleiter zum Tourist Guide

Bevor ich mich allerdings hier allzu detailverliebt in diesem hochinteressanten Stadtspaziergang „verliere“ und die vielen Geschichten rund um Österreichs große Töchter nacherzähle, ist’s sicher kurzweiliger, sich von TaRo auf dieser oder einer ihrer anderen besonderen Touren durch Wien (ent)führen zu lassen. Weil sie als Frau vom Fach einfach über Frau und wohl auch Mann – wenn schon, denn schon – die Wien bzw. Österreich ihren Stempel aufdrückten, ein wahres, mitunter trauriges aber oft auch humorvolles Gschichtl zu erzählen weiß. Womit wir auch schon beim wesentlichen Kriterium eines Tourguides sind: Dem Erzählen, ohne dass dem Touri die Füße einschlafen, sondern den Stadtspaziergang zu einem Erlebnis macht und den Bildungsauftrag auch ohne zig Jahreszahlen vollinhaltlich erfüllt.

Mit Tanja durch Wien zu spazieren, macht einfach Spaß. Dabei ist TaRo eigentlich noch ein Rookie in diesem Business und der Weg zum staatlich geprüften Tourist Guide war mehr oder weniger einer über ein paar Ecke. Letztlich war’s im Jahr 2020, mitten in der Corona-Hochphase, dann soweit und Tanja Rosenberger absolvierte nach drei Semestern Ausbildung erfolgreich die dreiteilige Prüfung, schriftlich, mündlich und praktisch. „Den Wunsch, Tourguide zu werden, hatte ich bereits in meinen Studienjahren. Irgendwie ist sich’s während meines Studiums für Anglistik, Amerikanistik und Französistik, dem parallellaufenden Reiseleiter-Gästebetreuungskurs am BFI und meiner bereits zeitgleichen Reiseleitertätigkeit nicht ausgegangen. Nach dem Studium bin ich rasch voll ins touristische Incoming gerutscht und hätte mir nicht vorstellen können, nebenbei die Ausbildung zu machen. Ich bewundere wirklich alle, die 40 Stunden arbeiten und nebenher eine Berufsausbildung machen.“

Ausflug in die PR-Branche

Wobei, aktuell fährt auch Tanja Rosenberger beruflich (noch) auf zwei Gleisen, denn nach ihren Jahren als Reiseleiterin u.a. für Blaguss Reisen, Union Reisen, Bustours/Austrobus oder Springer Reisen folgte als Projektmanagerin bei verschiedenen touristischen Unternehmen der Sprung ins Gruppenreisen- und Incentivesegment. Vom Event Management und touristischen Agenturbusiness führte ihr beruflicher Weg über die dm&c – destination management & consulting, PR Plus und den Bundesverband für Materialwirtschaft (BMÖ) mit der Gründung von KORN PR 2003 schließlich in die Selbständigkeit. Neben zahlreichen renommierten Unternehmen zählt vor allem EVA Airways Austria & CEE zu ihren treuen und langjährigen Kunden. „Im Moment geht der Parallelbetrieb gut, doppelt arbeiten ist mir nicht fremd. Beide Berufe spielen auch gut ineinander und machen das Leben bunter und vielfältiger,“ sagt sie und ergänzt, dass sie schon während des Studiums als Reiseleiterin und in einem Supermarkt gearbeitet hat und auch als Selbständige hat sie einerseits Events und Incentives organisiert und parallel ihre PR-Agentur aufgebaut. Wohin die berufliche Reise nun führen wird, ist aktuell offen, langfristige sieht sich Tanja Rosenberger aber doch eher beim Fremdenführen. „Ich lege mich überhaupt nicht fest, kann mir eine berufliche Zweigleisigkeit noch gut eine Zeit lang vorstellen,“ lacht sie und erzählt, dass sie auch nie gedacht hätte, mit ihrer PR-Agentur einmal ins Eventmanagement hineinzurutschen, und etwa im Rathaus Mega-Schülerevents mit 3.500 Teilnehmern zu organisieren. Als One-Woman-Show, die bereits seit 2015 aus dem Homeoffice agiert, weil sich’s – auch aus Kostengründen – eben so entwickelt hat und auch gut so ist.

Ein Job für Idealisten

Organisieren oder „Gschaftln“, wie sie sagt, „sind wohl meine großen Talente. Ich mach’s auch sehr gerne, privat wie beruflich,“ und berichtet von einem kürzlichen Trip mit Freundinnen nach Florenz, den sie inklusive Citytour von A bis Z durchorganisierte. Eigenschaften, die ihr im Fremdenführerjob zupasskommen. Für sie ist dieser Beruf einer für Idealisten, weil man dabei viel Gutes bewirken, geraderücken, erklären und verständlich machen kann. „Gerade in Wien werden wir oft gefragt, wie das mit Hitler war, z.B. zur Diskussion ums Lueger-Denkmal. Gerade in Zeiten von Fake News und großen Vorurteilen können wir hier viel er- und aufklären.“

Allerdings, das Wort Führer in der Berufsbezeichnung erscheint gerade in diesem Zusammenhang kontraproduktiv, vor allem, wenn der erklärende Zusatz „Fremden“ fehlt. Wird dann von manchem Gast lautstark „wo ist meine Führerin“ gerufen, krampft es einen schon zusammen, wie Tanja anmerkt. „Eigentlich sind wir Kunst- und Kulturvermittler, aber Fremdenführer ist nun mal das Gewerbe, so steht es auch im Ausweis.“ Ärgerlich findet sie hier aber vielmehr, dass man – Gendern hin oder her – auf die weibliche Form in der Berufsbezeichnung verzichtet. Dabei ist der Frauenanteil bei den Tourguides mit 75 Prozent extrem hoch.

Vom Frau sein im Tourismus

Das führt zur Frage, ob Frauen besser guiden können. Die Antwort ist eine diplomatische: „Einige Kollegen sind wirklich großartig, aber ist nicht der ganze Tourismus stark weiblich? Zumindest bis zu einer gewissen Ranghöhe, was auch auf meiner „Frauen in Wien“ Tour deutlich wird.“

Warum touristische Berufe wie der des Tourist Guides mehr Frauen interessiert, könnte vielleicht auch darin begründet sein, weil Frau vielleicht das bessere „Kindermädchen“ ist. Denn das muss man in diesem Beruf doch auch ein wenig sein, oder? „Das könnte stimmen, es wäre interessant, diesen Aspekt mal näher zu beleuchten,“ lacht Tanja, die gerne mit Menschen ist und arbeitet, im Umgang aber manchmal diplomatischer und abgehärteter wäre. „Ich bewundere Menschen, die ohne emotional zu werden, Kritik üben können. Darin bin ich leider nicht so gut.“

Bei der Frage nach dem nächsten WC-Stopp bleibt sie selbstverständlich immer gelassen, „wobei das Pipi-Pausen-Thema interessanterweise vor 30 Jahren in meiner Reiseleiterzeit präsenter war. Die meisten Stadtspaziergänge dauern im Schnitt ein bis eineinhalb Stunden, das geht sich für die meisten Gäste gut aus.“ Eine diesbezügliche „Vorfelderkundung“ gehört aber zu jeder Tourenplanung dazu, wie es auch „Häuseltouren“ zu Wiens besonderen stillen Örtchen im Portfolio einiger Kollegen gibt.

Eigene Touren entwickelt

Herausfordernd ist der Beruf in jedem Fall. Schließlich muss man über die Stadt und seine Geschichte, die vielen Persönlichkeiten und Bauwerke möglichst alles wissen und jeden noch so kleinen Hintergrund kennen, obwohl man sich im Erzählen aufgrund beschränkter Zeit dann auf etwa zehn Prozent reduzieren muss. „Genau das ist das Spannende,“ sagt Rosenberger, die sich auf neue Touren rund drei Wochen, manchmal auch länger, vorbereitet. Für spezielle Touren, etwa eine Grätzelführung durch Erdberg, ist der Aufwand natürlich größer: „Für diese Privatanfrage war ich in der Bibliothek, im Bezirksmuseum, habe viel gelesen, im Internet recherchiert und mich im Bezirk umgehört,“ gibt sie einen Einblick, wie aus einer Idee eine neue Tour wird. So ist auch die „Frauen in Wien“ Tour entstanden, Zusammenhänge finden und erkennen sind dabei ebenso Inspirationsquelle wie ihre 30 Jahre im Tourismus und hier vor allem der Job als Reiseleiterin. „Kunst und Geschichte haben mich immer interessiert, wie sich dann auch in der Ausbildung besonders interessante Themen aufgetan haben. Diese biete ich als Spezialtouren auf meiner Website an.“

Dennoch kann es sein, dass auch der Tourguide mal keine Antwort parat hat, für TaRo kein Problem. „Ja, es entfällt einem hin und wieder manches, das kommt aber oft im Gespräch schnell wieder. Wir sind halt auch nur Menschen,“ sagt sie und hält vom schnellen Blick auf Wikipedia nicht viel, weil dieser Content nicht immer verlässlich ist.

Sie sind wieder da!

Wir sind mittlerweile beim Cafè Landtmann angekommen, wo dereinst die Wiener Salonière Bertha Zuckerkandel in der Beletage des heutigen Cafè Landtmann die „wirklich großen Künstler“ zusammenführte, werfen noch einen Blick auf das umstrittene Trümmerfrauen-Denkmal auf der Mölker Bastei und beenden die Tour mit Maria von Ebner-Eschenbach im Arkadenhof der Uni Wien.

Wir waren an diesem heißen Sommertag nicht die einzigen, die von einem Austria Guide durch die Wiener Innenstadt navigiert wurden. Ganz ohne Fähnchen am Stock, für Tanja ein Relikt aus den Vor-Corona Overtourism-Zeiten, welches sie ebenso wie einen Regenschirm als Leitmerkmal ablehnt, waren die Städtetouristen wieder in vielen Gruppen unterwegs und die Anfragen nach den beliebten Standardtouren quer durch Wien werden wieder mehr, freut sich Rosenberger. Damit sind auch die Tourguides nach zwei harten Jahren endlich wieder gut im Geschäft. Hätte die Wirtschaftskammer und die Fachgruppe Tourismus- und Freizeitwirtschaft in dieser Zeit nicht unterstützt und auch viele kostenlose Weiterbildungsmaßnahmen ermöglicht, wäre dieser Berufsstand wohl nicht so gut über die schwierige Zeit gekommen.

Und auch wenn sich die Stadt wieder vermehrt mit internationalen Besuchern füllt, bleiben der kommende Herbst und Winter ein Fragezeichen. „Corona ist ja nicht weg, wir wissen nicht, ob uns nicht wieder Stornierungen ins Haus stehen“, ist Rosenberger vorsichtig optimistisch. Dass der Städtetourismus und damit auch wieder das Problem des Overtourism zurückkommen werden, davon ist sie überzeugt: „Wenn sich alles wieder halbwegs normalisiert, werden wir in zwei bis drei Jahren wohl wieder dort sein, wo wir vor Corona waren und Overtourism wird uns wieder beschäftigen. Außer, die Flugpreise steigen wirklich und man kann nicht mehr um fünf oder zehn Euro auf ein Städtewochenende fliegen.“

Die Tourguides freuen sich also wieder über eine gute Auftragslage, auch Tanja Rosenberger, die als zertifizierter Austria Guide vorrangig in Wien unterwegs ist, aber in ganz Österreich und Europa führen darf. Buchbar ist sie über ihre Website www.tanjarosenberger.at, über guides4you.at, wo sie Teil des Teams hochqualifizierter Kunstvermittler:innen und Fremdenführer:innen ist, über Tales of Austria unter  https://www.talesofaustria.at/ sowie über Secret Vienna (www.secretvienna.org). Als Kooperationspartner des Ferienwohnungsanbieters Hapimag hat sie bereits den Fuß in der Incoming Türe und möchte dieses Standbein nun step by step erweitern. Zudem ist Rosenberger auch Mitglied im Verein der Wiener Fremdenführer:innen (https://www.guides-in-vienna.at/).

Kurz gefragt

Wien ist …

… meine Herzensstadt!

Wenn nicht Wien, dann …

… früher hätte ich Rom gesagt, jetzt matchen sich Triest, Lissabon und Porto.

Was macht das Flair einer Weltstadt aus?

Dass sie Vielfältigkeit zulässt. Vielfalt ist ganz wichtig und wie in Wien, auch eine gewisser „Dorfcharakter“.  

Wien ist eine Weltstadt?

Sicher, das war sie immer!

Zug oder Flug?

Da bin ich ehrlich, noch Flug!

Dort war ich noch nie und dort möchte ich unbedingt hin?

Yorkshire, weil ich englische Literatur studiert habe und es die Gegend der Bronte Schwestern ist.

Podcast oder klassischer Reiseführer?

Klassischer Reiseführer mit Landkarte und Stadtplan. Ich bin eine analoge Reisende, Google maps ist nicht meine Welt, das ist aber eine Berufskrankheit. Schon als Reiseleiterin habe ich den Stadtplan einer mir neuen Stadt auswendig gelernt. Man sitzt ja im Bus und muss aus dem Effeff über die Stadt erzählen, den Weg finden und den Fahrer dirigieren. Nur mit Fingerzeig dem Fahrer zu deuten, haben wir übrigens auch in der Ausbildung gelernt.

Wie viele Schritte gehst Du im Schnitt auf Deinen Touren?

Je nach Tour sind es geschätzt durchschnittlich 12.000 Schritte.

„Guidest“ Du auch per Segway?

Meine Touren sind entweder zu Fuß, im Bus bzw. mitunter mit der Oldtimer-Tram. Segway, Rollschuhe, E-Bikes usw. sind ein sicherer Garant, dass ich danach „tot“ bin.

Was hat ein:e Fremdenführer:in alles in der Tasche?
Lesebrille, im Sommer die Sonnenbrille und ganz wichtig, eine Flasche Wasser. Vielleicht noch ein Kapperl und eine Haarbürste, dann natürlich das Skriptum, Geld und Wechselgeld, Visitenkarten, Augentropfen, Kaugummi, Stifte und ein kleines Erste-Hilfe-Paket mit Pflaster und Kopfwehtabletten. Man gewöhnt sich aber an, wenig einzupacken, weil man den Rucksack mindestens zwei Stunden herumschleppt.

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