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Sommerskilauf "nicht mehr zeitgemäß" 

Kriste - stock.adobe.com

In der vor dem Hintergrund des rasch voranschreitenden Gletscherschwunds emotional geführten Diskussion rund um Sommerskilauf auf Tiroler Gletschern hat Wirtschaftslandesrat und ÖVP-Spitzenkandidat der Landtagswahl, Anton Mattle, eine klare Meinung.

Gegenüber der "Tiroler Tageszeitung" plädierte ÖVP-Chef Anton Mattle dafür, die "Bretteln" im Sommer im Keller zu lassen. Die Schneedecke würde "immer dünner", außerdem habe sich auch das "Bewusstsein der Menschen für unseren Naturraum" "erfreulicherweise" gesteigert, argumentierte der sich im Wahlkampf – die Landtagswahl steigt am 25. September – befindliche Mattle. Sommerskilauf am Gletscher sei angesichts des Klimawandels "nicht mehr zeitgemäß" und die Zeit des Sommerskilaufs sei "abgelaufen". Der Tiroler Tourismus könne nur dann erfolgreich sein, wenn er auf seine Stärken setze und sich nicht an Konzepte klammere, die auch aufgrund der sich ändernden klimatischen Rahmenbedingungen nicht mehr funktionieren würden, fand der schwarze Spitzenkandidat.

Skifahren gehöre für ihn zwar unweigerlich zu Tirol "und dem Lebensgefühl in unserem Land. "Wir müssen im Winter auf die breite Palette an Wintersportarten und im Sommer auf unsere Landschaft und Bergwelt setzen. Dabei werden unsere Gletscher auch in den Sommermonaten Ausflugsziele bleiben und ihre Anziehungskraft behalten", führte Mattle aus. Auch für den grünen Tourismussprecher und Noch-Koalitionspartner der ÖVP, Georg Kaltschmid, waren die Zeiten, "an denen in Tirol 365 Tage Skifahren möglich war, vorbei". Er forderte die Einstellung des Skibetriebes. Ein Ende des Sommerskibetriebs würde im Bundesland lediglich den Hintertuxer Gletscher im Zillertal betreffen, die restlichen Gletscher - Stubaier, Ötztaler, Kaunertaler und Pitztaler - stellten den Sommerbetrieb bereits vor Jahren ein.

Mehrere Pisten haben zu

Auch abseits von Tirol setzen steigende Temperaturen den Pisten stark zu. Das einzige reine Sommerskigebiet in den Alpen - das Stilfser Joch in Südtirol - stellte im Juli seinen regulären Betrieb vorübergehend ein. Auch das Ganzjahresskigebiet Zermatt in der Schweiz stoppte den Sommerbetrieb vorübergehend. Bereits Anfang Juli hatte man in den französischen Gletscherskigebieten die Reißleine gezogen und aufgrund der zu hohen Temperaturen den Skibetrieb in Les 2 Alpes und auch in Tignes/Val d'Isère gestoppt.

Videos vom Hintertuxer Gletscher hatten zuletzt für Aufregung im Netz gesorgt. Sie zeigten Skifahrer in aufgeweichtem Schnee. Auf jene Videos nahm gegenüber der "TT" auch der stellvertretende Landesumweltanwalt Walter Tschon Bezug und meinte, dass nicht nur solche Bilder aufzeigten, "dass absoluter Handlungsbedarf in Sachen Klimaschutz besteht". Er forderte eine Diskussion über den Skibetrieb in diesen hochalpinen Zonen vor allem von Mai bis Oktober. Zugleich seien Erweiterungen und Neuerschließungen in den Gletscherskigebieten schon aus Gründen des Klimawandels nicht mehr zu rechtfertigen.

Bewilligungsverfahren für weitere Beschneiungsteiche nähmen zu, wie auch Verfahren für Sicherheitsmaßnahmen vor allem in den Gletscherskigebieten. Wegen der Erwärmung auch in diesen Höhenlagen gebe es immense Probleme mit Erosionen, es "bröckelt auch in Nahbereichen der Lifte, Seilbahnen und Pisten", ergänzte Tschon. Dieses Gefährdungspotenzial nähme laufend zu. "Wir brauchen klare Entscheidungsstrukturen und einen neuen Zugang zum Wintersport", betonte der Umweltanwalt.

Eis schmilzt schneller

Durch die Klimakrise ziehen sich die Gletscher immer schneller zurück. In den vergangenen Jahren schwand das Eis bis zu dreimal rascher als noch im 20. Jahrhundert. Die rund 5.000 Gletscher in den Alpen verloren in nur 15 Jahren ein Sechstel ihres Eisvolumens. Bis 2050 wird laut einer Berechnung der Technischen Hochschule Zürich jeder zweite Alpengletscher verschwunden sein - selbst wenn alle Staaten der Erde sofort ihren CO₂-Ausstoß auf null zurückfahren würden. Falls die Erwärmung unter zwei Grad Celsius gehalten wird - würden zwei Drittel der Alpengletscher verschwinden. Wahrscheinlicher sei aber angesichts aktueller (ausbleibender) Fortschritte: In 80 Jahren sind die Alpen nahezu eisfrei.

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