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Krieg und Inflation

So steht es um die Geschäftsreise wirklich

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Derzeit legt die Geschäftsreise wieder kräftig zu. Und manche Unternehmen kommen sogar ihrem Niveau von 2019 nahe.
Derzeit legt die Geschäftsreise wieder kräftig zu. Und manche Unternehmen kommen sogar ihrem Niveau von 2019 nahe.

Nachholeffekt oder echte Erholung? Nach dem Tourismus legt auch das Business-Travel-Segment wieder zu. Vor allem Mittelständler sind unterwegs. Über den Berg ist die Branche aber längst noch nicht.

Krieg, Inflation, galoppierende Energiepreise: Bedrohungen, in denen die Chefs der großen Fluggesellschaften kaum eine Gefahr für ihr Geschäft mit Business-Reisenden sehen. Robert Isom, CEO von American Airlines, bezifferte jüngst das inländische Geschäftsvolumen seiner Airline auf mittlerweile 105 Prozent des Werts von 2019.

Für die nächsten Monate prognostiziert er sogar weiteres Wachstum: "Je mehr die Beschäftigten wieder ins Büro gehen, desto stärker wollen sie auch wieder reisen", sagt Isom.

Branchenführer Delta Air Lines bläst ins selbe Horn, und auch Lufthansa gibt sich optimistisch. Man bereite sich zwar darauf vor, dass mittelfristig der Anteil der Privaturlauber steigen werde, sagt Airline-Chef Carsten Spohr. Doch auch er spricht von einer massiven Rückkehr der Dienstreisenden in die Flugzeuge.

Der Branchenverband US Travel Association (Usta) hat eine ganz andere Sicht auf die Dinge. In einer Untersuchung kommt er zum Ergebnis, dass die Firmenkunden in den kommenden sechs Monaten wieder deutlich sparen werden: Der Nachholbedarf an echten Reisen, der durch die coronabedingte Abstinenz entstanden ist, sei weitgehend gestillt. Künftig treffe man sich wieder häufiger zu Web-Konferenzen.

Was denn nun? Wird sich die Geschäftsreise so rasch erholen, wie es die Fluggesellschaften vorhersagen? Oder wird es doch bis 2026 dauern, bis das Vor-Corona-Volumen erreicht sein wird? Zu dieser Erkenntnis zumindest kommt der Geschäftsreiseverband Global Business Travel Association (GBTA): Erst 2026 sollen Unternehmen weltweit wieder 1,4 Bio. Euro ins Reisen ihrer Beschäftigten investieren, genauso viel wie 2019.

Fakt ist: Vor allem viele der großen Konzerne haben angekündigt, im Business Travel auch künftig kürzertreten zu wollen. SAP etwa will Reisen nur noch dann genehmigen, wenn diese zu Kunden oder Partnern führen. Firmeninterne Treffen hingegen sollen die Beschäftigten weiterhin virtuell vornehmen.

Ganz anders hingegen stellt sich die Lage bei vielen kleinen und mittleren Unternehmen (KMU) dar. Interne Begegnungen haben bei ihnen schon vor der Pandemie keine so große Rolle gespielt. Um jedoch einen wichtigen Kunden zu halten, führt für sie am persönlichen Treffen oft kein Weg vorbei. Insgesamt sind laut einer Umfrage von BCD Travel für 74 Prozent aller Firmen persönliche Kundentermine wichtigster Grund, um auf Reisen zu gehen.

Nur 15 Prozent unter 2019

Eine Entwicklung, die der Bezahlspezialist Airplus bestätigt: "Wir beobachten, dass gesellschaftliche Entwicklungen und Krisen wie die Pandemie, aber auch die wachsende Bedeutung der Nachhaltigkeit das Reiseverhalten deutlich stärker beeinflussen als kurzfristige Preiserhöhungen", teilt die Neu-Isenburger Lufthansa-Tochter mit und verweist auf die aktuellen Zahlen. Demnach erholt sich das Abrechnungsvolumen bei den Geschäftsreisen seit Jahresbeginn deutlich und kontinuierlich. "In Deutschland lagen wir im September nur noch 15 Prozent unter dem Niveau von 2019", heißt es offiziell von Airplus.

Ob sich das Reiseaufkommen einer Firma wieder den Vor-Corona-Werten nähert oder nicht, hängt auch von deren Reisezielen ab. "Unternehmen, die vornehmlich auf Langstrecke in Richtung China unterwegs waren, haben nach wie vor überproportionale Einbrüche beim Geschäftsreise-Volumen", sagt Liane Feisel, Inhaberin der Beratung Feisel Consulting.

Denn erstens sind Trips in das Riesenreich wegen der Null-Corona-Strategie des Regimes nur schwer möglich. Und zweitens schrecken Firmen vor Geschäftsreisen in das Land noch zurück, da sie wegen der vielen Beschränkungen grundlegende Sorgfaltspflichten für ihre Business Traveller nicht mehr garantieren können.

So berichtet Feisel von Maschinenbauunternehmen, die insgesamt auf nur 20 oder 30 Prozent ihrer Vor-Corona-Reiseausgaben kommen, obwohl sie in andere Destinationen fast wieder genauso häufig unterwegs sind wie früher. Grund für die Schrumpfung ist oft allein der Wegfall der China-Flüge, die wegen ihrer hohen Kosten doppelt ins Gewicht fallen.

Andersherum gilt: Firmen, die ihren Geschäftsfokus auf Europa oder gar Deutschland richten, kommen oftmals längst wieder 80 oder gar 90 Prozent ihrer Vor-Pandemie-Reisekosten. Und auch Branchen wie beispielsweise Medienunternehmen kommen zumindest wieder auf annähernd 70 Prozent: Weil sie auch aus Krisengebieten berichten, müssen sie reisen. Ebenso Berater können den persönlichen Kontakt zum Kunden kaum durch virtuelle Mittel ersetzen.

Die Macht der Hidden Champions

Dass sich insbesondere KMU ihrem alten Volumen deutlich schneller nähern als Konzerne, liegt auch daran, dass kaum ein Land über so viele Hidden Champions verfügt wie Deutschland. Dabei handelt es sich um Mittelständler, die wenig bekannt sind, die dennoch das Rückgrat der heimischen Wirtschaft bilden.

"Ein Hidden Champion, der in seiner Sparte mit nur wenigen anderen Unternehmen weltweit konkurriert, muss reisen, wenn er weiter erfolgreich sein will", sagt Ralf Trilsbeek, Chef des LCC-Partners Reiseart in Münster.

"Manche Firmen reisen trotz gestiegener Kosten schon wieder genau wie vor der Pandemie", bestätigt Ulrich Reichel, Geschäftsführer des Münchner Derpart-Büros TU Travel Solutions. "Andere wiederum haben ihre Trips deutlich reduziert." Erstere seien aber klar in der Mehrheit. "Der Mittelstand lebt vom persönlichen Kontakt", sagt auch Reichel.

Für BCD-Europa-Chefin Michèle Lawley gilt es, für alle Unternehmen die Frage zu beantworten, ob eine Geschäftsreise denn tatsächlich nötig ist. "Firmen werden sich künftig mehr auf den Zweck von Business Trips und deren Notwendigkeit konzentrieren, während in der Vergangenheit eher die Reisekosten im Vordergrund standen", sagt sie. Es gehe darum, die Effektivität von Reisen mit Blick auf die Unternehmensziele zu erhöhen.

Dass sich der Mittelstand als besonders reiselustig erweist, davon profitieren wiederum die mittelständisch orientierten Reisebüros. Übereinstimmend berichten Profis wie Reichel oder Trilsbeek von Firmen, die sich bei ihnen darum bewerben, als Kunde aufgenommen zu werden. "Das kannten wir bisher kaum", sagt Trilsbeeks Kollegin Daniela Wecke, die sich bei Reiseart um Business Travel kümmert. "Normalerweise läuft es ja andersherum: Wir akquirieren Kunden."

LCC will bis zum Jahresende wieder fast 80 Prozent des Umsatzes aus dem letzten Vor-Corona-Jahr erreicht haben. Und bereits Ende 2023 soll es dann wieder so sein wie 2019. Optimistisch stimmt die Agenturen der von ihnen erwartete Asien-Schub. Bereits jetzt nehme die Reiseaktivität in Richtung Hongkong und Singapur wieder zu, sagt LCC-Chef Markus Orth. Reichel berichtet zudem von einem starken Japan-Geschäft.

Allerdings ist die Lage volatil und kann sich rasch ändern. So warnte gerade Nick Vournakis, Executive Vice President beim Geschäftsreisen-Anbieter CWT, die Fluggesellschaften davor, ihre Strategie der Kapazitätsverknappung zu übertreiben. "Noch übersteigt zwar die Nachfrage die reduzierten Sitzplatz-Angebote", sagt Vournakis. "Aber irgendwann werden die Unternehmen sagen, genug ist genug."

Mittelstand sucht Mittelstand

Mehr denn je schauten sich Firmen jetzt wieder nach Partnern in der Region um, statt um jeden Preis globalisieren zu wollen. "KMU sucht KMU", sagt Trilsbeek. Praktischer Vorteil für die Reisebüros: Statt wenige große Kunden haben sie viele kleine. Das macht zwar mehr Arbeit, doch es sorgt auch dafür, dass es nicht so stark ins Gewicht fällt, wenn einige Partner ihr Reisevolumen reduzieren oder sogar Insolvenz anmelden.

Zusätzlich profitieren die bestehenden mittelständischen Agenturen davon, dass während der Pandemie einige Anbieter verschwunden sind. Vor allem aber zog sich mit First Business Travel ein kompletter Verbund vom Markt zurück. Agenturen und Kunden sind größtenteils bei den Wettbewerbern untergekommen.

"Hinzu kommt, dass die Großen während der Pandemie nur schwer zu erreichen waren", sagt Reichel. Die Kleinen hingegen waren auch in der schwierigen Zeit für ihre Firmenkunden zu sprechen – und sie haben Hilfe geboten, zu der nur Menschen, aber keine Maschinen fähig sind. "Wir waren da in der Pandemie", formuliert es Daniela Wecke. Kontakte ausschließlich zu Call Centern seien bei den meisten KMU ebenso unerwünscht wie die reine Online-Buchung.

Blick auf kleine Unternehmen

Neues Geschäft versprechen sich die Firmendienst-Spezialisten zudem von den ganz kleinen Unternehmen – jene, die für jährlich 50.000 oder 100.000 Euro reisen, die über kein professionelles Travel Management verfügen, die angesichts zunehmender Komplexität im Dienstreisen-Segment jedoch nach professioneller Hilfe Ausschau halten. Dabei machen die sogenannten Unmanaged-Travel-Firmen fast die Hälfte des globalen Geschäftsreisen-Volumens von 1,4 Bio. Euro aus.

Dass es sich lohnt, sie anzusprechen, davon ist Trilsbeek überzeugt. So berichtet er von einer Veranstaltung, bei der er seine Agentur vor etwa 50 KMU-Vertretern präsentieren durfte. "Das Interesse der Unternehmen war riesig", erzählt er. Aber noch größer sei die Überraschung der Teilnehmer darüber gewesen, "wo wir als Reisebüro überall wirkungsvoll helfen können – gerade was Themen wie Fürsorgepflicht, Nachhaltigkeit oder Reisekosten-Abrechnung angeht".

So sehen die Büros Wachstumsmöglichkeiten auch dann, wenn die Zahl der Reisen nachhaltig abnehmen sollte – eben nur auf anderen Feldern als dem reinen Buchen. "Wir bieten bereits seit mehreren Jahren ein CO₂-Reporting", sagt Daniela Wecke. "Für viele Firmen werden solche Produkte künftig entscheidend sein, da sie ihren internen Kohlendioxid-Einsparzielen entsprechen müssen."



Dieser Text erschien zuerst auf www.fvw.de.

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