Kreuzfahrt: Die positive Kraft für das G... Plus Artikel
 
Kreuzfahrt

Die positive Kraft für das Gute

donwinni - stock.adobe.com

Vor der Pandemie liefen jährlich rd. 750 Kreuzfahrtschiffe Palma de Mallorca an, die Mehrheit davon in der Sommersaison. 2023 wird es im Port de Palma, wo eigentlich bis zu acht Megaliner gleichzeitig anlegen können, sehr licht werden.

Denn nach Dubrovnik und Venedig reduziert nun mit Palma bereits der dritte beliebte Hafen im Mittelmeer die Anläufe von Kreuzfahrtschiffen, um den maritimen Overtourism zu minimieren. Damit dürfen ab nächstem Jahr täglich nicht mehr als drei Schiffe mit gesamt nicht mehr als rd. 8.500 Gästen gleichzeitig die Baleareninsel anlaufen, lediglich ein Hochseeriese darf die 5.000er Passagieranzahl umfassen. Was bedeutet nun eine zunehmende Kontingentierung generell für das Reisekonzept Kreuzfahrt, muss sich die Kreuzfahrt vielleicht gänzlich „neu“ erfinden? Wir haben darüber mit Helge Grammerstorf, National Director von CLIA Deutschland gesprochen.

Was bedeutet die Deckelung von Schiffsanläufen in Palma de Mallorca für die Reedereien, deren Routenpläne und den Sommer 2023?
Helge Grammerstorf: Die Kreuzfahrtreedereien freuen sich auf eine erfolgreiche Saison 2023 auf den Balearen. Wichtig ist nicht die Obergrenze, sondern die Klarheit, die das unterzeichnete Manifest schafft.  Früher wussten die Kreuzfahrtunternehmen bei der Reservierung von Liegeplätzen nicht, wie viele Schiffe bereits für denselben Slot gebucht waren. Jetzt ist bei der Reservierung transparenter, wie viele Schiffe dort liegen werden, so dass die Kreuzfahrtunternehmen fundiertere Entscheidungen treffen und Spitzenbelastungen leichter vermeiden können.  

Reicht eine Deckelung der Kreuzfahrtanläufe, um die Zielsetzung, den Overtourism in Palma zu begrenzen, wirklich aus?
Es stimmt, dass der Kreuzfahrttourismus nur ein Teil der Geschichte ist und dass Kreuzfahrttouristen nur einen kleinen Prozentsatz der Touristen insgesamt ausmachen, die Palma besuchen.  Das Manifest hat jedoch gezeigt, dass die Branche bereit ist, ihren Teil beizutragen und freiwillige Maßnahmen im Rahmen eines strukturierten Dialogs mit den Behörden zu ergreifen.  

Ist in weiterer Folge auch in anderen Hochfrequenz-Häfen – etwa in Barcelona oder Civitaveccia/Rom – mit einer Deckelung zu rechnen?
Die Kreuzfahrtindustrie bringt den Reisezielen erhebliche Vorteile, vor allem in kleineren Häfen, deren Wirtschaft oft stark vom Kreuzfahrttourismus abhängt. Die Kreuzfahrtindustrie arbeitet eng mit den einzelnen Reisezielen zusammen, um den Passagieren ein optimales Erlebnis zu bieten und gleichzeitig einen Beitrag zur nachhaltigen wirtschaftlichen Entwicklung des Ortes zu leisten, damit die Reiseziele auch weiterhin attraktive Orte zum Leben und Besuchen bleiben. 

Jedes Reiseziel ist einzigartig und hat spezifische Anforderungen, die auf den lokalen Gegebenheiten wie Geografie und Lage basieren. Die Kreuzfahrtindustrie wird auch weiterhin mit den Behörden zusammenarbeiten, um Ergebnisse zu erzielen, die zielgerichtet und lokal angemessen sind und dabei gleichzeitig erlauben, die Komplexität des Betriebs zu bewältigen.

Zur Person

Helge Grammerstorf ist Inhaber einer Patent AG (Kapitän auf Großer Fahrt) und besitzt einen Abschluss als Wirtschaftsingenieur für Seeverkehr. Seine Seefahrtkarriere begann er als Leichtmatrose und Offiziersassistent und ist seit mehr als 30 Jahren in der Passagierschifffahrt tätig. Davon mehr als fünfzehn Jahre als geschäftsführender Gesellschafter des Marktforschungs- und Beratungsunternehmens SeaConsult HAM GmbH, zudem ist er Geschäftsführer der SeaConsult FIN GmbH, die sich auf die Finanzierung von Fluss- und Hochseekreuzfahrtschiffen spezialisiert hat.

Der CLIA Deutschland, die deutsche Vertretung von CLIA Global, steht Grammerstorf seit 2013 als Direktor vor.

Ist eine Verlagerung bzw. Verschiebung in andere (kleinere) Häfen im Mittelmeer die Konsequenz? Wie lange können diese – Beispiel Santorin – den Massen noch standhalten?
Kreuzfahrttourismus ist gesteuerter Tourismus. Kreuzfahrtrouten sind so konzipiert, dass sie eine Vielzahl von Erfahrungen bieten und eine der besten Möglichkeiten darstellen, die Küstenstädte und -gemeinden, insbesondere in Europa, zu entdecken. Wie bereits erwähnt, ist jedes Reiseziel einzigartig und stellt spezifische Anforderungen. Die Kreuzfahrtindustrie wird auch weiterhin mit den Behörden zusammenarbeiten, um zielgerichtete und dem Ort angemessene Ergebnisse zu erzielen und gleichzeitig erlauben, die komplexen betrieblichen Abläufe zu bewältigen.

Wäre eine Slot-Regelung – ähnlich der Luftfahrt – eine umsetzbare und klimaverträgliche Option?
Der Kreuzfahrtbetrieb in einem Hafen wird bereits durch die Anzahl der verfügbaren Liegeplätze begrenzt. In vielen Häfen werden Liegeplatzprinzipien mit Buchungssystemen angewandt, die von den Hafen- oder Terminalbehörden verwaltet werden. Unabhängig von den Liegeplatzvereinbarungen arbeitet die Kreuzfahrtindustrie aktiv an der Erreichung von Klimazielen, die die Art und Weise, wie wir Kreuzfahrten unternehmen, grundlegend verändern. Die Branche strebt eine kohlenstofffreie Kreuzfahrt bis 2050 an, und die Veränderungen finden bereits jetzt statt.  Die Kreuzfahrtunternehmen investieren in Technologien, die in den kommenden Jahren die Luftemissionen im Hafen drastisch reduzieren werden. 75 Prozent der weltweiten CLIA-Flottenkapazitäten werden bis 2028 fähig sein, eine landseitige Stromversorgung in den Häfen zu nutzen. In Europa wird die Kreuzfahrtindustrie in der Lage sein, die Zielvorgabe der Europäischen Union für den Anschluss an die landseitige Stromversorgung bis spätestens 2030 zu erfüllen. Darüber hinaus ist die Kreuzfahrtindustrie Vorreiter in der Reise- und Tourismusbranche, wenn es darum geht, die Grundsätze der Kreislaufwirtschaft in großem Umfang an Bord umzusetzen - zum Beispiel mit komplexen Systemen an Bord zur Abfallreduzierung und zur Sortierung von Materialien für das Recycling sowie mit fortschrittlichen Abwasseraufbereitungssystemen, die bei 100 Prozent der künftigen bestellten Kapazitäten zum Einsatz kommen werden. 

Was bedeutet diese Entwicklung generell für das Reiseprodukt Kreuzfahrt?
Die Nachfrage nach Kreuzfahrten ist so stark wie vor der Pandemie und die Kreuzfahrtdestinationen wollen weiterhin von den wirtschaftlichen und sozialen Vorteilen des Kreuzfahrttourismus profitieren.  Gleichzeitig sind wir uns der Bedeutung der Kommunikation bewusst und CLIA verfolgt einen systematischeren Ansatz bei der Zusammenarbeit mit lokalen Reisezielen. Dies bedeutet, dass wir den lokalen Politikern und der Bevölkerung vermitteln, dass die Kreuzfahrt ein integraler Bestandteil ihrer Gemeinschaft und ihrer Wirtschaft ist.  Wir können stolz auf die Fortschritte sein, die wir dabei gemacht haben, unsere Botschaft so zu strukturieren, um den rechtlichen Herausforderungen und den Erwartungen der lokalen Politik gerecht zu werden. Diese Struktur wird uns helfen, transparenter und sichtbarer zu machen, was wir tun und wie wir als Teil des nachhaltigen Tourismus eine positive Kraft für das Gute sein können.

Muss sich die Kreuzfahrt „neu“ erfinden? Wird „im Kreis fahren“ am offenen Meer vielleicht zur Kreuzfahrt von morgen?
Kreuzfahrten sind eine der besten Möglichkeiten, die Welt und insbesondere das kulturelle Erbe und die Naturschönheiten, die unsere Küstengemeinden bieten, zu entdecken. Die Reiseziele sind ein wesentlicher Bestandteil des Kreuzfahrterlebnisses und ein wichtiger Pfeiler unserer Strategie für nachhaltige Entwicklung, die drei Aktionsbereiche umfasst: Verringerung des CO2-Fußabdrucks von Schiffen am Liegeplatz und auf See; Investitionen in Umwelttechnologien an Bord; Partnerschaften mit Städten und Häfen für nachhaltigen Tourismus. In jeder dieser Säulen machen wir Fortschritte, um Teil des nachhaltigen Tourismus von morgen zu sein.


Über CLIA
Die Cruise Lines International Association (CLIA) ist der weltweit größte Verband der Kreuzfahrtindustrie mit Vertretungen in Europa, Nord- und Südamerika, Asien und Australasien. CLIA Deutschland mit Sitz in Hamburg vertritt seit März 2013 die Interessen aller in Deutschland tätigen CLIA-Mitgliedsreedereien, dazu zählen neben den 14 in Deutschland tätigen Reedereien auch Reiseveranstalter, Hafenbehörden, Reisedestinationen und weitere Geschäftspartner der Kreuzfahrtindustrie.

www.cruising.org
www.cliaeurope.eu

Wir haben nachgefragt:

Welche Auswirkungen hat die Reduzierung der Anläufe nach Palma de Mallorca auf die Routenpläne der Kreuzfahrtunternehmen und wie steht man generell zur Deckelung von Anläufen in den beliebten Häfen im Mittelmeer? Der traveller hat dazu bei den großen Kreuzfahrtunternehmen nachgefragt, generell verweisen die Reedereien hierzu auf die CLIA. MSC Cruises und AIDA Cruises haben dennoch eine persönliche Stellungnahme übermittelt.  

AIDA Cruises

AIDA Cruises hat auch schon vor der Pandemie verstanden, dass nur, wenn Kreuzfahrt ein willkommener und von den Menschen akzeptierter Wirtschaftszweig ist, die Menschen vor Ort unseren Gästen authentische und nachhaltige Erlebnisse vermitteln können. 

Wir waren und sind in einem kontinuierlichen Dialog mit den Destinationen, um gemeinsam nach Lösungen zu suchen. Gerade die Pandemie hat gezeigt, wie wichtig in vielen Regionen, beispielsweise in der Karibik, aber auch hier in Europa, der Kreuzfahrttourismus als Wirtschaftsfaktor für die lokale Bevölkerung ist.

MSC Cruises

Die bei Österreichern beliebte Insel Mallorca gehört traditionell zum Programm von MSC Cruises, war aber bisher keine unserer Key-Destinationen. Dennoch haben wir uns gemeinsam mit dem Kreuzfahrtverband CLIA für eine Regelung ähnlich wie in Dubrovnik eingesetzt und uns bereits mit der Regierung der Baleareninsel auf eine gemeinsame Lösung geeinigt. Wir glauben, dass unser daraus resultierendes vielfältiges Angebot so gestaltet ist, dass jeder Gast die optimale Reiseroute für sich finden kann. So wird in der aktuellen Wintersaison eines von vier Schiffen im Mittelmeer Palma de Mallorca anlaufen, in der Sommersaison 2023 werden zwei der neun Schiffe die Insel besuchen, die wir im westlichen Mittelmeer positioniert haben.

Die Kreuzfahrt ist nur ein Element des Tourismus auf Mallorca, das nur 13 Prozent des Tourismus der Insel ausmacht. Deshalb muss das Thema auch ganzheitlich behandelt werden. Daher hat die Inselregierung bereits regulierende Maßnahmen in den anderen Tourismussektoren ergriffen und beispielsweise das große Angebot an Betten in der Hotellerie und in Ferienwohnungen eingeschränkt. Auch die illegale Vermietung von Privatunterkünften, eine der Hauptursachen für den Übertourismus, soll von Tourismusinspektoren kontrolliert werden.

Unser Ziel ist, unseren Gästen unvergessliche Momente und die bestmögliche Reise zu bieten und das geht nur in Zusammenarbeit mit den Destinationen. Deshalb ist es für uns eine Selbstverständlichkeit, uns mit den Destinationen an einen Tisch zu setzen, wenn Bedarf besteht. Wir sind immer bereit, mit der jeweiligen Regierung zusammenzuarbeiten, um eine zufriedenstellende Lösung für alle Parteien zu finden.

Wir glauben, dass wir nur mit einer großen Vielfalt an Routen und Zielen langfristig erfolgreich sein können. Deshalb haben wir mehr als 50 Häfen im Mittelmeer im Portfolio, die wir anlaufen. Neben Barcelona laufen wir im nächsten Sommer z.B. auch Valencia und Alicante an der Ostküste Spaniens an, neben Rom auch La Spezia oder Neapel an der Westküste Italiens. Mit Taranto in Apulien haben wir für 2021 ein neues Kreuzfahrtziel mit eigenem Stranderlebnis entwickelt, die mit der sizilianischen Hafenstadt Syrakus, die dafür neu ins Programm von MSC Cruises aufgenommen wurde, kombiniert wird. Das neue Angebot wurde sehr gut angenommen, so dass wir diese Route auch noch im Sommer 2023 im Programm haben werden.

Auch wir als Kreuzfahrtanbieter profitieren von der Entwicklung, wenn unsere Gäste die Reiseziele optimal erleben können. Deshalb setzen wir uns dafür ein, gemeinsam einen langfristigen Fahrplan für den Kreuzfahrttourismus zu entwickeln.

Wir glauben nicht an ein statisches Produkt, sondern entwickeln unser Produkt ständig weiter. Das betrifft nicht nur Schiffsdesign und -technik sowie das Bordangebot, sondern auch die Routenplanung. Mit unserer neuen Route im Roten Meer, die wir 2021 ins Programm aufgenommen haben, waren wir die erste Kreuzfahrtgesellschaft überhaupt, die das neu für den Tourismus geöffnete Saudi-Arabien als Standardroute ins Programm aufgenommen hat. Dieses Wagnis hat sich gelohnt, denn das neue Angebot erfreut sich einer großen Nachfrage. Wir sind nun Marktführer in dieser Region.

stats