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Kommentar

Stornierung zum Nulltarif? Bitte nicht!

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Wenn der Urlaub gestrichen wird, ist das ärgerlich, doch für die Menschen am anderen Ende der Reisekette oftmals existenzbedrohend.
Wenn der Urlaub gestrichen wird, ist das ärgerlich, doch für die Menschen am anderen Ende der Reisekette oftmals existenzbedrohend.

„Kostenfreie Stornierung bis 6 Tage vor Abreise!“ Klar, das klingt vor allem in Zeiten von Corona und Inflation erstmal verlockend. Doch ist es auch fair? Für Betty Wilde vom nachhaltigen Reiseveranstalter FairAway ist Flexibilität für alle besser, wenn sie endlich ist.

Das Dilemma ist offensichtlich. Man freut sich auf eine Reise, hat Geld in die Hand genommen, vielleicht sogar lange dafür gespart – und dann gibt es Umstände, die auch die beste Planung torpedieren und Vorfreude in Frust umwandeln können. Wenn unvorhersehbare Dinge passieren. Corona ist ein Beispiel, aber auch der Krieg gegen die Ukraine, eine Trennung vom Partner oder andere individuelle Probleme können dafür sorgen, dass man von heute auf morgen eine Reise absagen will oder muss. Ist es da nicht super, wenn man bei all dem Ärger über die nicht stattfindende Auszeit wenigstens das ganze Geld unkompliziert zurückbekommt? Wenn das Angebot die kostenfreie Stornierung bis kurz vor der Abreise schon automatisch enthält, man nur einmal klicken muss und ein paar Tage später der Kontostand wieder gewachsen ist? 

Jetzt schreit jeder bestimmt laut: JA! Klingt fantastisch, keine Frage – auch ich habe schon auf Buchungsportalen zugegriffen, wenn mir eine kostenlose Stornierung angepriesen wurde. Das Problem liegt am anderen Ende deiner Reisebuchung – Ein Blick über den eigenen Tellerrand hinaus zu werfen, ist sinnvoll.

Die fleißigen Menschen hinter jeder unvergesslichen Reise

Denn das Problem landet bei denen, die die Essenz jeder Reise sind. Die Menschen, die eine Reise möglich machen. Die Agenturen vor Ort, die viel Zeit in die Reiseplanung investiert haben und Ausflüge organisieren, die lokalen Guides, die Reisenden die Schönheit ihres Landes zeigen, die kleinen Pensionen, die dafür sorgen, dass man sich auf Reisen wie zu Hause fühlt. Die alle haben Geld ausgegeben, um einen Reiseplan umzusetzen, haben teilweise vorinvestiert, um Monate vor der geplanten Abreise die besten Preise und die schönsten Unterkünfte zu sichern. Wenn man dann kurz vorher die Reise absagt und das gesamte Geld zurückbekommt, stehen sie mit nichts oder sogar mit Schulden, auf jeden Fall mit unbezahlter Arbeit da. Denn die Wahrscheinlichkeit, dass jemand eine Woche vorher genau diese Reise bucht und sie doch noch bezahlt werden, ist verschwindend gering.

Was eine Reise wert ist – und was am Ende bleibt

Wohin das führen kann, haben wir durch Corona in einer extremen Form erlebt. Dadurch, dass so viele Menschen auf einmal storniert haben, mussten kleine Hotels zumachen, lokale Guides hatten plötzlich kein Einkommen mehr. Allgemein konnten viele Menschen in der Tourismusbranche weltweit sich ohne Sicherheitsnetze wie wir sie haben nicht über die Krise retten und mussten sich umorientieren. Dadurch fehlen jetzt, wo gefühlt jeder wieder reisen möchte, Verfügbarkeiten – und auch die Preise steigen. Corona hat das Problem nur verstärkt. Aber auch ohne eine Pandemie gilt: Jede Reiseplanung ist ein Gemeinschaftswerk, an dem ganz viele Menschen zusammen arbeiten, damit am Ende eine unvergessliche Zeit rauskommt. Aber wenn es hart auf hart kommt, stehen am Ende alle mit nichts da. Reisende ohne Reise, die Menschen vor Ort ohne Einkommen, alle ohne positive Erinnerungen.

Win-win statt Frust und bedrohte Existenzen

Ich möchte keineswegs mit dem Finger auf Reisende zeigen und ihnen sagen, dass sie schuld an der Misere sind. Geld wächst nun mal leider nicht auf Bäumen, und die Inflation ist real. Ich möchte nur zeigen, wo der Schuh drückt – und dass es für alle besser ist, wenn wir an der Stelle einen Kompromiss finden können. Schließlich lieben wir doch nicht nur Flexibilität, sondern auf der anderen Seite auch ein gesundes Maß an Verbindlichkeit und das Gefühl, sich auf jemanden verlassen zu können, oder? Ich plädiere daher für die richtige Kombination aus allem: Aus einer guten Reiserücktrittsversicherung, aus einer für alle an der Reise Beteiligten fairen und transparenten Stornierungs-Regelung, aus Empathie, Kommunikation und aus wahrer Flexibilität. Zum Beispiel muss eine Reise ja gar nicht komplett storniert, sondern kann auch umgebucht werden. Damit es für Reisende und für die Menschen vor Ort ein Morgen gibt, auf dass sich alle freuen können.

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