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Im Weinviertel überwindet der Tourismus Grenzen

Schweighofer
Hannes Steinacker geht die Aufgaben als Geschäftsführer ohne "österreichischen Rucksack" an. Ihm zur Seite steht ein kompetentes Team, darunter Tourismus-Vollprofi Yvette Polasek, die lange das Auslandsbüro von CzechTourism in Wien geleitet hatte.
Hannes Steinacker geht die Aufgaben als Geschäftsführer ohne "österreichischen Rucksack" an. Ihm zur Seite steht ein kompetentes Team, darunter Tourismus-Vollprofi Yvette Polasek, die lange das Auslandsbüro von CzechTourism in Wien geleitet hatte.

Das Weinviertel in Niederösterreich ist keine überlaufene Tourismusregion, sondern ist charmant ursprünglich geblieben. Das bedeutet, es gibt noch viel zu entdecken und viel Potenzial für qualitätsvollen Tourismus. Der neue Geschäftsführer des Weinviertel Tourismus, Hannes Steinacker, geht an die Aufgabe mit viel internationaler Erfahrung an - und klaren Ideen.

© Erwin Haiden, Bratislava Region Tourism, Niederösterreich Werbung/Franziska Consolati (4), Niederösterreich Werbung/Robert Herbst, WTG/Gollner (3), WTG/Herbst (2), WTG/Himml, Nadja Meister (2), Niederösterreich Werbung/Claudia Schlager, WTG Mandl, Erwin Haiden, Rupert Pessl

Impressionen aus dem Weinviertel, der besonders vielfältigen Region im Nordosten Niederösterreichs.


Herr Steinacker, warum haben Sie sich für den Posten als Geschäftsführer des Weinviertel Tourismus beworben? Was ist Ihre Motivation?
Da muss ich weiter ausführen. Ich bin gebürtiger Weinviertler und lebe wieder hier. Ich bin in einem Gastronomiebetrieb, ein Gasthaus und eine Fleischerei, groß geworden, den unsere Familie seit vielen Generationen betreibt. Den hat mein Bruder sehr erfolgreich übernommen, ich bin schlussendlich Touristiker geworden. Ich war zehn Jahre lang im österreichischen Tourismus tätig, bin von der Gastronomie in die Airline-Branche gewechselt. Ich war für Niki, AUA, Lufthansa tätig, lebte mit meiner Familie 15 Jahre lang im Ausland – Slowakei, Japan, Sarajevo, Zagreb und zuletzt in Moskau. Im Sommer 2019 sind wir nach Österreich zurück, wo ich die Geschäftsführung von Qatar Airways für Österreich und Slowakei übernommen habe. Mein nächster Entwicklungsschritt wäre wieder das Ausland gewesen. Dann haben wir Familienrat gehalten und beschlossen, 15 Jahre Ausland sind genug. 

Es hat bei mir ein Umdenken stattgefunden: Passt das Fliegen noch in den Zeitgeist und passt es noch zu mir? Die Antwort lautete „eigentlich nicht mehr“. Ich habe während der Pandemie neu gelernt zu genießen, was wir in Österreich und im Weinviertel haben. Da bin ich auf die Ausschreibung der Position der Geschäftsführung des Weinviertel Tourismus gestoßen. Es ist das genau das, was ich mag, kann und tun möchte. Hier sind meine Wurzeln und die Anforderungen sind das, was ich von der Pike auf gelernt habe; verbunden mit meiner internationalen Erfahrung. Wenn ich die Symbiose der beiden Welten gut zusammenbringe, kann man das für den Weinviertel Tourismus gut nützen.

Glauben Sie, dass der internationale Blick entscheidend war, warum man sich für Sie entschieden hat?
Das war, glaube ich, ein Aspekt, dass meine Außensicht eine gewisse Innovation ins Weinviertel bringt. Auch um auch das Vernetzen besser zu lösen. Dazu kommt meine Art und Weiße: Ich bin sehr offen im Zugang mit Menschen und sehr lösungsorientiert. Durch meine Auslandsjahre habe ich keinen österreichischen „Rucksack“ umgehängt. Ich kann Aufgaben mit einer positiven Naivität angehen. Manchmal höre ich, „das haben wir schon fünfmal probiert, es hat nicht funktioniert“. Meine Antwort ist dann, dass ich es noch nicht fünfmal probiert habe, vielleicht passen jetzt Zeit und Umstände besser – und siehe da, es funktioniert auf einmal. 


„Im Vergleich mit der Wachau, Südsteiermark oder dem Burgenland hat in der Region der Tourismus zudem später begonnen.“
 

Das Weinviertel ist keine klassische Tourismusregion. Was ist die Basis, was sind die Stärken und Schwächen?
Der Tourismus wird oft mit Nächtigungstourismus verknüpft, der Ausflugstourismus ist manchmal schwer festzumachen. Wenn ein Wiener ein paar Tage mit seinem Rad im Weinviertel herumfährt, es sich gut gehen lässt, hier und da eingekehrt, aber am Abend mit dem Zug wieder nach Hause fährt, ist der für uns zum Teil als Gast nicht so wahrnehmbar gewesen, obwohl er zur Wertschöpfung beigetragen hat. Der große Anteil an Tagestouristen ist eine der Herausforderungen. Im Vergleich mit der Wachau, Südsteiermark oder dem Burgenland hat in der Region der Tourismus zudem später begonnen. Die Grenzlage zum Eisernen Vorhang hat dazu beigetragen, aber auch – und das bitte nicht falsch verstehen – der „relative Wohlstand“ aufgrund einer gut funktionierenden Mischlandwirtschaft. Damit gab es weniger Zwang, in den Tourismus zu investieren.

Ein weiterer Punkt ist, das Weinviertel ist ein großes Territorium und keine homogene Maße. Wir haben gänzlich unterschiedliche Gebiete mit unterschiedlichen Bedürfnissen und Entwicklungsstadien. Die Bedürfnisse im Retzer Land sind ganz andere als in Laa oder in Schloss Hof. Die unterschiedlichen Aspekte machen es diffiziler, alles gleichwertig zu bewerben. 

Mit welchen Kernthemen wollen Sie das Weinviertel voranbringen? Die Beherbergungsqualität ist ein wiederkehrendes Thema, es fehlt die Masse an Betten. Das Hotelprojekt von spusu in Mistelbach ist ja gescheitert.
Es ist noch nicht ganz vom Tisch, denke ich, ohne jetzt mehr Details dazu zu haben. Ich hatte vor Kurzem mit der Familie Pichler ein Gespräch. Aus der Tourismusstrategie Niederösterreich 2025 erwachsen dem Weinviertel vier große Säulen für den Tourismus. Das Weinerlebnis, das mit dem Thema Beherbergung verknüpft ist, der Radtourismus, der in das Weinerlebnis strahlt, die Kulinarik, bei der wir den Gästen schon viel Gutes zu bieten haben, wenn auch nicht flächendeckend, und als vierte Säule die neue Achtsamkeit, ein sanfter Gesundheitstourismus. Ich beschreibe das gerne als all das, was vor der e-Card passiert. Diese vier Säulen wollen wir jeweils weiterentwickeln und gesamtheitlich betrachten. Jedes Element greift in das andere. Die Pandemie hat keine Gewinner hervorgebracht, aber wenn man ihr etwas Gutes abgewinnen kann, dann ist das Bewusstsein für das Weinviertel größer geworden. 


„Wir wünschen uns, dass Beherbergungsmöglichkeiten in und um die Kellergassen geschaffen werden.“
 

Wie verknüpfen sich Weinerlebnis und Beherbergung?
Da fällt immer öfter das Wort Kellergasse. Es gibt den Wunsch und das Bestreben, die Kellergassen zu reaktivieren und besser in das touristische Erlebnis einzubinden. Wir wünschen uns, dass Beherbergungsmöglichkeiten in und um die Kellergassen geschaffen werden. Da braucht es viel Aufklärungs- und Informationsarbeit, weil es oft falsch verstanden wird: Es sollen keine siebenstöckigen Hotels entstehen, aber sehr wohl thematisch passende Beherbergungen. Das kann ein ausgebautes Kellerstöckerl mit Nächtigungsmöglichkeit sein oder ein Tiny House oder Weinchalet für die touristische Nächtigung. Die Umsetzung passiert idealerweise von Winzern im Ort. Es könnte auch ein Winzergenusszimmer sein am Weingut. Natürlich würden auch zur Region passende Hotelprojekte für touristische Gäste dem Weinviertel guttun. 

Hat die Pandemie an der Anzahl der Betriebe und Betten genagt?
Gottseidank nein. Es hat sich in der Struktur ein bisschen etwas geändert, aber es sind weder die Beherberger noch Gastronomen viel weniger geworden. 

Nach welchen Kennzahlen werden Sie sich strecken?
Die geopolitischen Entwicklungen machen es schwer abschätzbar. 2019 verzeichneten wir im Weinviertel rund 650.000 Nächtigungen; die Entwicklung ging bis dahin stets nach oben. 2020 gab es ein Minus von 34 Prozent, im Vorjahr sind wir wieder um knapp 10 Prozent gestiegen. Mittelfristig kann das Ziel nur sein, mindestens dort anzuschließen, wo wir 2019 schon waren. Wie lange das dauert, ist schwer vorherzusagen. Persönlich hoffe und glaube ich, dass der Fokus auf die Regionalität uns in der Region helfen wird. Es spiel auch der Klimaschutz mit und dass das Reisen teurer wird. Das Thema Flugscham kommt langsam bei der jüngeren Generation durch. Mit mehr Nächtigungen, wenn Ausflugstouristen zu Nächtigungsgästen werden, steigern wir auch die Wertschöpfung.
 

„Zur Landesausstellung ‚Marchfeld Geheimnisse‘ erwarten wir uns 20 bis 25 Prozent der Besucher aus der Slowakei.“
 

Wie wollen Sie mit Nachbarregionen zusammenarbeiten?
Es gibt bereits viele Bemühungen mit Südmähren und der Slowakei und einen regen Austausch der Regionen. Unter anderem über Interreg-Projekte. Der Radtourismus über Grenzen hinweg hatte schon bestens funktioniert – die Pandemie ließ im vereinten Europa leider wieder eine – medizinische Grenze entstehen. Die neue Radbrücke bei Marchegg wird den Radtourismus auf beiden Seiten sicher fördern. Das ist eine wunderbare Möglichkeit, um die Metropolen Bratislava und Wien auf touristischer Basis zu verbinden. Zur Landesausstellung „Marchfeld Geheimnisse“ (Anm.: Schloss Marchegg noch bis 13. November) erwarten wir uns 20 bis 25 Prozent der Besucher aus der Slowakei. Wir setzen mit den Kollegen in der Slowakei gemeinsamen Projekte um, legen zweisprachige Gästemagazine auf und gestalten Websites und Entdeckerkarten für die Großregion.

Was muss noch passieren, damit die Weinviertler gemeinsam mit Südmähren dies als Großregion wahrnehmen?
Punktuell passiert das schon und ist eine unserer großen Bemühungen. Wenn wir einen potenziellen Gast ansprechen, kann das Angebot auch einen größeren Radius einnehmen. Die südmährische Kultur und Geschichte ist auch unsere Geschichte. Über viele Jahrhunderte war es eine Kulturregion, natürlich mit sprachlichen Unterschieden. In den Grenzregionen findet viel Erwachen statt; gerade in den touristisch geprägten Regionen wird der Mehrwert erkannt. Der südmährische Raum ist touristisch für die Tschechen in etwa so wie die Wachau für Österreicher. Da können wir profitieren, wenn wir einen Austausch in beide Richtungen hinbekommen. 

Mit Yvette Polasek (Anm.: verantwortlich für Marketing Sales im Weinviertel Tourismus und jahrelange Leiterin des Auslandsbüros von CzechTourism in Österreich) haben sie eine Expertin für diese Aufgabe im Team.
Mit Yvette haben wir die bestgeeignete Person im Team; nicht nur sprachlich zu 100 Prozent, auch vom Wissen und Verständnis. Sie kennt den tschechischen und österreichischen Tourismus in- und auswendig. Da kann man viele Synergien ziehen. Eines unserer wichtigsten Radprojekte ist der Ausbau des Iron Curtain Trail. 

Dieser EuroVelo 13 ist einer der Top-Radrouten im Land. Welche Aufgaben haben Sie da noch vor sich?
Das ist nicht nur die längste Radstrecke der Welt mit 10.000 Kilometer Länge, von Kirkenes in Norwegen bis ans Schwarze Meer, sondern auch eine sehr geschichtsträchtige Strecke. Im Weinviertel liegen rund 200 Kilometer davon. Wir arbeiten an einer besseren Beschilderung, einer besseren Integration in das Produkt mit mehr Rast- bzw. Servicestationen; Tisch, Bank Pergola, Werkzeug und Luft für die Räder. Kein einfaches Unterfangen ist die gastronomische Qualität entlang des Trails darzustellen. Da sind schon noch ein paar Flecken dabei, wo man ein paar Kilometer fahren muss, bis man etwas zu Essen und Trinken bekommt. 


„Das Thema Wein ist mir von meiner Familie her in die Wiege gelegt.“
 

Was in der Pandemie mehr geworden sind, sind die Selbstbedienungsautomaten für zum Beispiel Wein. Das funktioniert schon gut?
Das passiert auch entlang von großen Radrouten. Persönlich wäre mir lieber, wenn ein Winzer oder Heurigenbetrieb zu sich einlädt und ein Austausch stattfindet und die Weinviertler Authentizität vermittelt. In der Kellergasse wäre es ideal, wenn da noch Kellermänner sitzen. Der Automat plaudert nicht mit dir. Aber ja, der Automat ist besser als kein Angebot. 

Ihre Frau ist Winzerin?
Ich habe in ein Weingut eingeheiratet, besser gesagt, die Schwester meiner Frau hat das übernommen. Wir sind stark im Thema verwurzelt. Das Weingut liegt in der südlichen Wachau im Mostviertel, hinter dem Stift Göttweig. Das Thema ist mir auch von meiner Familie her in die Wiege gelegt. Es ist schön, wenn ich mit den Winzern fachsimpeln kann.

Zum Beispiel über 20 Jahre DAC?
Die Weinqualität hat im Weinviertel große Sprünge gemacht, nicht nur wegen 20 Jahre DAC. Die Winzer haben erkannt, dass es nur über Qualität funktioniert. Die nachkommenden Generationen bringen dann wieder neue Ideen ein. Gemeinsam mit den Winzern wollen wir auch touristisch mehr Innovation reinbringen. Ein wunderschönes Beispiel ist das Weingut Hindler in Schrattenthal im Retzer Land, das ich seit Jahrzehnten gut kenne. Das ist ein mittelständisches, modernes Weingut, das in der Kellergasse Nächtigungsmöglichkeiten geschaffen hat und bald das Qualitätsbettenangebot erweitert. Dazu noch viele weitere Serviceleistungen wie Elektroautoladeplätze, einen Kneippbereich, einen Gemeinschaftsbereich in der Kellergasse und so weiter. Das sind so innovative Angebote und ein Beispiel dafür, wo wir mit dem Weinerlebnis hinwollen. 


„Wie kaum eine andere Region in Österreich ist das Weinviertel ein fast durchgehen von Menschen bearbeitetes Kulturgebiet.“
 

Das Weinviertel ist sehr landwirtschaftlich geprägt. Müssen sich Tourismus und Landwirtschaft noch mehr verknüpfen?
Wie kaum eine andere Region in Österreich ist das Weinviertel ein fast durchgehen von Menschen bearbeitetes Kulturgebiet. Das ist auch touristisch ein anderer Kontext, als etwa der große Berg in Tirol, der schon vor den Menschen und auch nach den Menschen noch so dastehen wird. Das Weinviertel ist anders zu bewerben und es bringt viele Geschichten mit sich. Ausflugszielen wie dem Museumsdorf Niedersulz gelingt das bestens. Oder der weite Blick von den Leiser Bergen, der eindrücklich zeigt, wie die Landschaft von Menschenhand gestaltet wurde. Im Weinviertel verkaufen wir Menschengeschichte mit. 

Also nicht nur die Verbindung der besten Produkte für das qualitätsvolle kulinarische Angebot, sondern auch die wichtige Rolle der Landwirtschaft als Landschaftsgestalter?
Das wird von beiden Seiten manchmal nicht gleich verstanden. Wir haben Direktvermarkter, den Ab-Hof-Verkauf, wo dem Besucher dieses Miteinander nähergebracht wird. Andererseits gibt es Flecken im Weinviertel, wo der Mehrwert durch Touristen nicht so gesehen wird; auch daran müssen wir arbeiten. Im Weinviertel gibt es viele dieser Mischradwege. 

Ist man bei der Radwegbeschilderung schon fertig?
Nein. Das ist ein laufendes und wiederkehrendes Thema. Es gibt ein ständiges erheben des Bedarfs, Erneuern, neu Beschildern und die Digitalisierung der Wege schreitet voran. Es gibt schließlich über 2.000 Kilometer Radwege im Weinviertel. 

Danke für das Gespräch.

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