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Kommentar

Bitte nicht mit Steinen werfen

Manstein Verlag/Sabine Klimpt
Herausgeberin Manstein Verlag Dagmar Lang
Herausgeberin Manstein Verlag Dagmar Lang

Wer sich in diesen Tagen eine Flugreise antut, der kann etwas erzählen. Zum Beispiel, dass leider auch manche Profis die Nerven verlieren.

Auf unserer Dienstreise nach Düsseldorf zu einer Modemesse haben wir das ganze Spektrum erlebt: Gebuchter Mittagsflug von Austrian Airlines gecancelt, was uns den sonntäglichen Morgenstart um 04:30 Uhr beschert hat, dann banges Warten auf den Koffer, der es nach 45 Minuten in Düsseldorf endlich vom Band geschafft hat. Angekommen bei unseren Kunden durften wir erfahren, dass wir Glück gehabt haben, ihn überhaupt erhalten zu haben, denn verlorenes Gepäck gehört ebenso zum Talk of the Town wie die dringliche Warnung, mindestens drei Stunden vor Abflug am Flughafen Düsseldorf zu sein. Klar, wenn von fünf Security-Straßen zur Morgenspitze nur zwei besetzt sind, dann dauert es halt eine Weile.

OS 152 steht nach pünktlichem Boarding dann eine ganze Weile am Rollfeld herum, landet aber am Dienstag, 26. Juli halbwegs pünktlich in Wien. Doch leider fehlen die Fluggasttreppen und die Busse, was den Piloten zu der zynischen Durchsage einer „völlig unnötigen weiteren Verzögerung“ veranlasst. Die Passagiere mit Anschlussflügen, denen man vor einer halben Stunde noch garantiert hatte, sie seien alle save, werden unruhig. Ein Ehepaar mit jetzt schon quengeligen Kleinkindern bangt um den Anschluss nach Ibiza. Da ertönt aus dem Cockpit die Durchsage, das Fehlen der Fluggasttreppen und der Busse sei, so der erboste Kapitän, nicht auf „Mitarbeitermangel, sondern ausschließlich auf die schlechte Personalplanung des Flughafen Wien zurückzuführen, sowie Sie es ja von den deutschen Flughäfen hinlänglich gewöhnt sind.“ Damit ihn auch alle verstehen, wiederholt er die Durchsage auch auf Englisch.

Da fällt mir das alte Sprichwort „Wer im Glashaus sitzt, soll nicht mit Steinen werfen“ ein, denn der Pilot arbeitet für ein Unternehmen, das ständig Flüge streichen muss, für einen Konzern, dessen Betriebsrat mitten in der Hochsaison dafür verantwortlich war, dass 1.000 Flüge gestrichen werden mussten, was 134.000 Passagiere betroffen hat. Er ist in einem Unternehmen tätig, das vor wenigen Tagen auf allen deutschen Flughäfen die Fast Lanes für die besten Kunden, nämlich für Business und First Class, geschlossen hat und den gestressten Menschen um viel Geld jetzt das tägliche Chaos zumutet. Ein Chaos, das es in diesem Ausmaß am Flughafen Wien schon seit Wochen nicht mehr gibt, weil das Management sehr rasch gegengesteuert hat.

Offenbar hat der gute Mann nicht verstanden, dass im Sommer 2022 alle im gleichen Boot sitzen und nur gemeinsam aus der Krise herausfinden können! Das verbale Anschütten eines – noch dazu verglichen sehr zuverlässigen Partners – bringt niemanden etwas, schon gar nicht den Passagieren, die nur eines wollen: ihren Anschlussflug bekommen. Wer dafür die Verantwortung trägt, ist der Familie mit den Kleinkindern genauso piepegal wie dem Geschäftsreisenden. Also bitte, weder mit Steinen werfen, noch Öl ins Feuer gießen. 

d.lang@manstein.at

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