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Die Naivität bekommt Flügel

simona - stock.adobe.com

Lange Warteschlangen auf Flughäfen, verspätete und verpasste Flüge, verschicktes oder gar kein Gepäck, akute Personalnot bei Airlines, Flughäfen und Systemdienstleistern, drastische Einschränkungen im Ticketverkauf bzw. überhaupt kein Ticketverkauf mehr für alle Klassen, Limitierung von abreisenden Passagieren auf Flughäfen, unaufhaltsam steigende Kerosin- und Energiepreise, natürlich Corona als DER Verursacher allen Übels und quasi als österreichisches „Sahnehäubchen“ eine defekte Rohöl-Hauptdestillationsanlage in der OMV. Wenn Chaos aktuell einen Namen hat, dann "Fliegen im Sommer 2022" – als Airlines ihr Geschäftsmodell neu definierten und die Naivität damit Flügel bekam.

Sommerzeit ist Reisezeit, das war schon zu Großmutters Zeiten so und das ist auch jetzt, da Reisen längst eine neue Dimension erreicht hat und gerade nach zwei pandemischen Urlaubsfrustjahren nicht anders. Die Branche jubelt wieder ob der randvollen Badewanne Mittelmeer und entsprechend guter Flugauslastung und schielt bereits mit einigem Optimismus auf ein endlich wieder gutes Ergebnis für den ersten richtigen Sommer nach COVID-19 – obwohl Corona eigentlich weiter mitfliegt. Auch wenn dieser Umstand für manchen Luftfahrtprofi doch einigermaßen überraschend zu kommen scheint. Alles gut möchte man meinen, wäre da nicht jenes Chaos, das Airlines und Flughäfen seit Wochen perfektionieren und fast täglich prolongieren und dabei so tun, als ob die sommerliche Reisezeit völlig unerwartet und wie die damit verbundene Rückkehr der große Reisekarawane überraschend kam.

Ja, dass die Menschen endlich wieder unbeschwert auf Urlaub fliegen möchten, war abzusehen, nicht abzusehen sei allerdings die aktuelle Corona-Welle gewesen, die erst für den Herbst prognostiziert wurde. Die Welle habe ungeahnte Ausmaße erreicht und treffe vor allem die Flugbegleiter, die den engsten Kontakt zu den Passagieren haben, dazu kommen Personalengpässe bei den Systempartnern auf den Flughäfen, beim Gepäck oder den Sicherheitskontrollen, argumentierte kürzlich eine Airline-Sprecherin in einem KURIER-Beitrag.

Und damit, so scheint es, sind die wahren Verursacher der großen Flug-Misere mit Corona und den klugen Wissenschaftlern, die der Branche den Sommer verhauen, weil sie nicht deutlich genug in die Kristallkugel geschaut haben, auch schon festgemacht.

Aber ist‘s nicht ein bisschen billig, die Ursache der sommerlichen Chaossituation auf Flughäfen und bei Airlines nur auf Corona und zwei Jahre Pandemie zu schieben? Ist’s Naivität oder vielmehr doch Ignoranz von schon ziemlich alten Problemen, die jetzt, da die sprichwörtliche Haut beim Popo nicht mehr zusammengeht, in voller Wucht aufschlagen und den erfreulichen Erholungsprozess der schwer angeschlagenen Luftfahrt fast ebenso rekordverdächtig wie das tägliche Flugchaos wieder bremsen?

Ja, natürlich ist Corona weiterhin ein großer Risikofaktor. Wer immer auch in den Airline-Managementhöhen glaubte, dass das Virus wie tausende Österreicher ebenfalls eine sommerliche Erholungsphase einlegt, wird gerade eines Besseren belehrt. COVID macht keine Ferien, und hat den Schwarzen Peter zumindest in diesem Fall dennoch nicht alleine verdient. Der gehört nämlich dem dünnen Sparefroh und seinen fliegenden Patenonkeln, die über Jahrzehnte das Gürtel enger schnallen – am Buckel der Mitarbeiter – derart perfektionierten, dass man jetzt in Ermangelung von ausreichend fleißigen Ameisen aus dem allerletzten Loch pfeift und damit nun die letzten wahren Werte traditioneller Fluglinien verspielt: Qualität und Verlässlichkeit.

„Einsicht ist der erste Schritt zur Besserung“, so besagt es zumindest ein altes, deutsches Sprichwort und vielleicht darf ja das Schreiben des Lufthansa Konzernbosses, Carsten Spohr an die Belegschaft, auch als solcher verstanden werden: Dass man es an der einen oder anderen Stelle nämlich mit dem Sparen wohl ein bisserl übertrieben habe, angesichts der mehr als zehn Milliarden Konzernverlust.

Aber eben nicht erst seit Corona unser aller Leben dominiert, denn eigentlich haben Airlines bereits weit vor der Pandemie begonnen, sich mit Restrukturierungsmaßnahmen in der Dauerschleife selbst zu überholen und mit fast schon zum Gewohnheitsrecht gewordenen Sparpaketen und Gehaltsreduktionen nicht nur viel Wissen und Kompetenz abzugraben, sondern sich vor allem tot zu sparen. Und so wurde der Ameisenbau von unten nach oben immer mehr „verschlankt“ und damit auch immer instabiler. Heute leistet eine Ameise zu kargem Lohn den Job von fünf und darf dafür einmal mehr den Prellbock für „richtungsweißende und Synergien nutzende“ Strategien machen, die dort getroffen werden, wo die Luft dünn dafür die Brieftasche umso dicker ist.

„Wir sehen, dass der Frust der Fluggäste immer häufiger an den Beschäftigten ausgelassen wird, die gar nichts für die Probleme können,“ sagte dazu auch ein Luftfahrtexperte der deutschen Verdi-Gewerkschaft. Dass dann viele Ameisen den Bau verlassen und sich aus der wunderbaren Luftfahrtbranche für immer verabschieden, ist nachvollziehbar.

Sehr geehrter Herr Spohr, setzen Sie ein Zeichen und unterstreichen Sie Ihre wohlmeinende Entschuldigung, indem Sie sich nur für einen Tag ans Check-in setzen und live mitbekommen, womit Ihr Personal in diesen Tagen konfrontiert ist und dabei noch immer versucht, Freundlichkeit und den Servicegedanken nicht zu verlieren. Weil, Sie wissen schon, Qualitätsairline und das damit verbundene Serviceversprechen ….

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