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Vorurteile sind wie Blätter im Wind!

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Tourismus verbindet Menschen, Religionen und Kulturen, was Toleranz und Aufgeschlossenheit dem Fremden, Anderen, Neuen gegenüber voraussetzt. Nur scheint gerade das mit der viel zitierten Weltoffenheit und Aufgeschlossenheit dann ein Problem zu sein, wenn Länder wie gerade Saudi-Arabien die Imagekorrektur versuchen. Weil einmal böser Bube, immer böser Bube …

Das mit Vorurteilen ist halt so eine Sache. Sie tragen sich wie Blätter im Wind quasi von selbst weiter und weiter und türmen sich zu einem oft nur noch schwer durchschaubaren Durcheinander auf, bis irgendwann ein frischer Wind für eine neue „Ordnung“ im Blätterwald sorgt. Eben so ein frisches, wenn auch noch zartes Lüftchen bläst gerade durch ein Land, das noch vor zehn Jahren im Demokratie-Rating des The Economist als absolute Monarchie unter die zehn autoritärsten Staaten der Welt gereiht wurde. Der ausschließlich von Männer mit der Scharia als Rechtsgrundlage regiert und dominiert wurde und in dem die Frau keine Rechte hatte. Noch 2018 rangierte Saudi-Arabien im Global Gender Gap Report hinsichtlich Gleichstellung der Geschlechter von 149 gelisteten Ländern auf Platz 141, was wohl keiner weiteren Erklärung bedarf. Meinungs- und Glaubensfreiheit und Menschenrechte wurden im wahhabitischen Königreich weitgehend ignoriert, dafür Folter und Misshandlungen praktiziert, die Prügel- und Todesstrafe exekutiert und Homosexualität wie die Konsumation von Alkohol unter Strafe gestellt. Nein, wahrlich allesamt keine sympathischen Charakteristika eines Landes, das an Religion und Tradition auch weiter festhält und dennoch den Weg des Wandels zu einem modernen und weltoffenen Staat versucht.

Angetrieben und getragen von der jungen Generation – knapp 80 % der Bevölkerung sind unter 35 Jahre – und einem reformfreudigen jungen Kronprinzen an der Spitze nimmt die umfassende gesellschaftspolitische und wirtschaftliche Reformagenda „Vision 2030“, auf der vor allem die touristische Positionierung Saudi-Arabiens ein wesentlicher Stützpfeiler ist – Gestalt an. Man will diese Veränderung, und wird sich diese Veränderung auch nicht nehmen lassen, das ist im ganzen Land deutlich spürbar. Denn es geht um sehr viel, um sich vom Öl unabhängig(er) zu machen und dafür braucht es einen ganzheitlichen Transformationsprozess, um die Diversifizierung der Wirtschaft weiter voranzutreiben. Also bricht Kronprinz Mohammed bin Salman – ein Enkel des Staatsgründers Abd al-Aziz ibn Saud – sowohl innen- als auch außenpolitisch in ein neues Zeitalter auf, öffnet sich dem internationalen Tourismus und der Unterhaltungsindustrie, schafft die Prügelstrafe, das Auspeitschen und Todesstrafe für Minderjährige ab und eliminiert die Geschlechtertrennung, das Vormundschaftssystem und den Verhüllungszwang und gibt damit der Frau einen neuen und dem Mann nahezu gleichwertigen Stellenwert. Und die Sache beginnt zu funktionieren!

Stimmt schon, für den liberal denkenden und freiheitsliebenden Europäer sind da noch ein paar andere No-Gos, wie eben die Todesstrafe. Hier zählt Saudi-Arabien noch immer zu den Hardcore-Ländern, von den rd. 86 % der 2019 registrierten Hinrichtungen (lt. Amnesty International) war Saudi-Arabien neben dem Iran, Irak und Ägypten eines der vier Länder mit den meisten Vollstreckungen. Außer China, denn die Zahl der durchgeführten Exekutionen im Land der Mitte wird nicht bekanntgegeben und gilt als Staatsgeheimnis …

Womit wir zum Kern der „Sache“ kommen, denn trotz aller Verachtung und Kritik für diese Länder reisen dennoch zigtausende Menschen (vor Corona und sicher auch wieder danach) aus der westlichen Welt mit Freude ins exotische China und werden mit ebensolch großem Enthusiasmus von den Reiseprofis, beraten, ohne sich über die dortigen menschenrechtsverletzenden Unpraktiken zu mokieren. Das gilt im Übrigen auch für die USA, Thailand, die Vereinigten Arabischen Emirate, Vietnam, Taiwan, Indonesien (Bali), Ägypten, Japan und viele karibische Inseln – wie Jamaika – wo de facto überall die Todesstrafe gilt und teils auch exekutiert wird.

Verstehen Sie mich nicht falsch, nur weil’s der eine tut, rechtfertigt es nicht, dass es auch andere machen. Ebenso wenig, wie sich erfahrene Touristiker über das touristische Ansinnen und den Versuchen des Imagewandels von Saudi-Arabien und das damit verbundene Engagement eines großen deutschen Reiseveranstalters für dieses Land in den sozialen Netzwerken echauffieren, und dabei nur wenig vorurteilsfrei, dafür ziemlich bigott argumentieren. Nein, Saudi-Arabien ist in unserem westlichen Verständnis sicher kein Musterschüler, aber welches Land ist das schon?

Denn sogar das kleine Österreich hat sich, wie man weiß, was humanitäre Hilfeleistung und Wahrung der Menschenwürde in der jüngsten Vergangenheit angeht, auch nicht gerade mit großem Ruhm bekleckert. Botschaft verstanden?

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