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Cooles pic vom hohen peak!

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Ein Kommentar von Brigitte Charwat
Ein Kommentar von Brigitte Charwat

Afrikas höchster Berg hat sein kurzem Highspeed-Internet und rd. 35.000 bergwandernde „Alpinist:innen“ werden dadurch zu Werbebotschaftern für Tansania. Was bedeutet das aber auf der anderen Seite?

Hans Meyer hatte seinerzeit am Weg auf den höchsten Berg Afrikas sicher viel in seinem Rucksack, ein Handy gehörte gewiss nicht dazu. Was vordergründig damit zu tun hat, dass zwischen der Erstbesteigung des Kilimandscharos und der Erfindung des Smartphones mehr als 100 Jahr liegen. Ob der deutsche Verleger, Kolonialpolitiker, Forschungsreisende und Geograph heute auch zur selbstverliebten Selfiegeneration gehören und seinen Gipfelsieg noch bevor die Endorphine den strapazierten Körper und Geist jubeln lassen, mit der ganzen Welt teilen würde? Wir wissen es nicht, möglich wär’s. Denn irgendwie ist’s schon ein Paradoxon unserer digital getriebenen Zeit, dass die Sehnsucht nach bewussterem genussvollem Leben ohne Smartphone zwar sehr groß, das ständige durchs digitale Schlüsselloch schauen und persönliche Mitteilungsbedürfnis über die schönsten Nebensächlichkeiten – obwohl wir’s gerne laut kritisieren – jedoch noch viel größer ist.

Am Kilimandscharo gibt es seit kurzem Breitband-Internet. Sollten Sie also unterwegs aufs Dach Afrikas sein, vergessen Sie das Smartphone nicht. Für ganz viele tolle Bilder und um die Welt an diesem sicher grandiosen Erlebnis per Facebook, Instagram, TikTok, Twitter oder WhatsApp teilhaben zu lassen und auch ein bisserl neidisch zu machen. Denn ehrlich, jeder würde es genau so tun. Weil’s einfach geil ist, nach den Strapazen des Aufstiegs – der Kilimandscharo zählt zwar nicht zu den selektivsten Bergen, erfordert aber trotzdem Trittfestigkeit und ob der Höhe eine gewisse Grundkondition und demzufolge auch eine entsprechende Vorbereitung – seine adrenalingeladenen #ichhabsgeschafft-pics durchs Netz zu jagen.

Was die glückseligen Bergkraxler freut, freut die Tourismusverantwortlichen noch mehr. Die in der Netzanbindung ihres Mt. Kibo – so heißt der 5.895 Meter hohe Gipfel im Kilimandscharo Massiv korrekterweise – zwar eine erhebliche Verbesserung für die Sicherheit der Bergsteiger und Träger sehen, vielmehr aber davon touristisch profitieren werden. Weil jedes Posting und jedes Bild der jährlich rd. 35.000 Bergsteiger:innen für Tansanias Tourismus einen Multiplikator und unbezahlbaren Werbewert darstellen und somit dem Tourismus – gerade nach zwei harten Coronajahren – eine wichtige Einnahmequelle eröffnen. Und weil demnächst auch die Nationalparks internetfähig sein werden, wird es in den sozialen Netzwerken bald ganz schön „wild“ zugehen.

Dennoch haftet der durchaus verständlichen Zielsetzung der tansanischen Tourismusverantwortlichen – das Kilimandscharo Massiv und die Nationalparks sind die wichtigsten Einnahmequellen für Tansanias Tourismus – in Zeiten von Klima- und Energiekrise ein bitterer Beigeschmack an und lässt auf Nachhaltigkeit bedachte Reiseveranstalter und Expeditionsanbieter, verantwortungsvolle Alpinisten und Umweltschützer die Sorgenfalten auf die Stirn treiben. Schließlich weiß man, was die Hinterlassenschaften eines „bergsteigenden“ Massentourismus auslösen. Was sich längst am Mount Everest, der ob seiner gigantischen Abfälle auch als höchstgelegene Müllhalde der Welt bezeichnet wird, zeigt. Mit 5G, denn auch am Dach der Welt gibt es zur Vermessung zumindest temporär in drei Basislagern immer wieder High-Speed Internet.

Letztlich, stellt sich aber die Frage, warum man in bzw. auf die Berge geht? Nur fürs coole pic mit Blick vom hohen peak? Oder weil man sich der digitalen Welt auf Zeit entziehen und der Natur nahe sein mag. Dem Kilimandscharo wird der Beweggrund egal sein …

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