Jung gedacht: Große Bildungsfreiheit – A... Plus Artikel
 
Jung gedacht

Große Bildungsfreiheit – Aber nicht für Frauen

Sabine Klimpt

Blickt man ins Nachbarland, kann man nur den Kopf schütteln und sich fragen, an wen die letzten hundert Jahre Errungenschaften bei der weiblichen Bildung ohne jede Berührung vorübergezogen sind.

Durchaus „problematisch“ hält es da ein Bericht des ungarischen Rechnungshofs mit der Akademisierung des weiblichen Geschlechts. Weil Frauen sind ja dazu da, Kinder zu kriegen und bei den mittlerweile wählerischen und anspruchsvollen Akademikerinnen lässt die Partnerwahl zu wünschen übrig. Das Schicksal der Nation hänge davon ab, denn mit einer sinkenden Geburtenrate sinkt auch der Wohlstand. Eine sehr existenzielle Begründung für den mickrigen Versuch der bemitleidenswerten „toxic masculinity“ den alleinigen Machtanspruch auf Bildung und jegliche Teilnahme am öffentlichen Leben zurückzufordern. Demnach hagelte es auch Kritik, die den Mangel an „männlichen Sichtweisen und Eigenschaften“ an den mittlerweile zu weiblich gewordenen Unis nur so zerpflückte. Dabei funktioniere Männlichkeit auch ohne ein derart destruktives und von Dominanz geprägtes Verhaltensmuster. Und ein paar sabbernde Steuerzahler mehr werden der aktuellen Schieflage der Wirtschaft auch nicht aus der Patsche helfen können.

Nicht zuletzt wurmt die sehr stereotype Zuteilung von Eigenschaften an das jeweilige biologische Geschlecht. So käme etwa „Kreativität, Innovationsfähigkeit und Unternehmergeist“ als rein männliche Eigenschaft zu kurz. „Emotionale und soziale Reife und Fleiß“ sind zwar erstrebenswerte Attribute, aber keinesfalls rein weiblich. Derartige Stereotypisierungen erinnern stark an Persönlichkeitstests aus der Bravo, die von gestressten Redakteur:innen (ja, wir gendern!) in den letzten Minuten zusammengekleistert wurden und anhand der Beantwortung von stupiden Fragen die Ähnlichkeit deiner besten Eigenschaften mit den „coolsten“ und aktuell „trendigsten“ Stars und Sternchen matchen. 

Geschlechtergleichheit „geschwächt“

Was noch vor nicht allzu langer Zeit mit der Benachteiligung von Mädchen und Frauen in der Bildung argumentiert wird, wird in dem Bericht pervers verkehrt. Aktuell beträgt der Frauenanteil unter Gymnasiasten und Studierenden in Ungarn rund 55 %, unter Promovierten 44 % und unter Lehrkräften 82 %. Für die Studie seien 700 Eltern und Lehrende befragt worden.

Laut Bericht bestünde also die Gefahr, Jungen würden aufgrund des übermäßig weiblichen Einflusses in der Schule beim Abschluss benachteiligt. Außerdem führe der Einfluss zu „psychischen Problemen“, warnt die Behörde. Man darf sich fragen, welche mentalen Foltermethoden an der reinen Existenz weiblicher Schüler festmachbar seien, die für derartige Probleme sorgen würden.

Es wäre eigentlich schon fast komisch zu lesen, so unsinnig sind die selbstproduzierten Ängste, säße der Verfasser des Berichts nicht in einer Machtposition. Und damit reiht sich dieser diskriminierende Schund nur jenen Rückschritten in den Bereichen Wissenschaftsfreiheit und Genderfragen in Ungarn unter, welche in die Philosophie Orbáns Regierung passen.

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