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Freiflug

Schluss mit dem Anpatzen

Sabine Klimpt

Österreichs oberster Seilbahnen-Vertreter verlangt ein Werbeverbot für Flugreisen und Kreuzfahrten nach Vorbild bei Tabakwaren. Besser wäre ein Verbot schlechter politischer Provokationen. Ein Kommentar von Thomas Schweighofer.

Franz Hörl ist jemand, der verbale Böller schießt – egal, ob am Jahresanfang oder mitten unterm Jahr. Dafür kennt man den Hotelier, ÖVP-Tourismussprecher und Obmann des Fachverbands Seilbahnen in der Wirtschaftskammer seit Jahrzehnten. Sein Motto lautet, gehört wird man nur, wenn man besonders laut kracht in öffentlichen Diskussionen. Ob er damit seiner Sache immer Gutes tut, sei dahingestellt. Flamme an die Zündschnur legte der Zillertaler nun in einem Interview mit der Austria Presse Agentur. In der Klimadiskussion und der Rolle des Bergtourismus zündelte er gegen den Flugverkehr und die Kreuzfahrten. Für die Bewerbung „besonders umweltschädlicher Urlaubsformen“ wie Flugreisen für zum Beispiel Städtetrips oder auch Kreuzfahrten solle ein Verbot ausgesprochen werden. Ähnlich wie bei Tabakprodukten könne es auch eine Kennzeichnungspflicht geben für solche „besonders CO₂-relevanten Urlaubsformen“ und deren angeblich hohe Schädlichkeit für die Umwelt. Besonders grün sei hingegen der Urlaub im Sommer und Winter in Österreich.

Das Thema wolle er jetzt mit dem Grünen Koalitionspartner besprechen. Natürlich, so wie man ihn kennt beziehungsweise  politische Taktik, schoss Hörl Medienkritik hinten nach. Die Berichterstattung hinsichtlich Seilbahnen, Tourismus und Klimawandel sei oft „faktenbefreit“ und „einseitig“ geführt (mehr zu seinen Aussagen HIER).

Welch Ironie, denn Objektivität aus dem Munde von Franz Hörl ist wieder einmal ein Widerspruch in sich. Die vielfältigen Maßnahmen der Luftverkehrswirtschaft und der Kreuzfahrtbranche zur Reduzierung bestehender Belastungen der Umwelt negiert er wissentlich. Gleichzeitig verschließt er die Augen bei Problemfeldern der Bergbahnen, denn laut ihm sei die „einzige Schwachstelle“ die An- und Abreise. Ja, Bergbahnen bieten umweltfreundliche Mobilität, aber der Skitourismus etwa muss sich in manchen Ausformungen hinterfragen. Touristiker und Hoteliers, die zukunftsgerichtet handeln, tun das schon längst

Mit seinem Bashing auf zwei so wichtige Branchenbereiche tut Franz Hörl den Seilbahnen und Österreichs Tourismussektor als Ganzes nichts Gutes. Seine politischen und touristischen Kollegen in Österreichs Städten werden mit seinen Aussagen so gar keine Freude haben – berechtigterweise. Geschweige denn Tourismusstaatssekretärin Susanne Kraus-Winkler, die die ganze Branche vertritt. Und Sie hat auf die Aussagen schon reagiert. Von einem Tourismussprecher einer Regierungspartei könnte man sich erwarten, dass er die Finger von Böllern lässt, bevor er sich verbrennt.

thomas.schweighofer@manstein.at

Update, 9.1.2023, 12:00 Uhr: Nun hat auch der Luftfahrtverband auf die Aussagen von Franz Hörl reagiert. 

Dachverband Luftfahrt wertet den Vorstoß von Franz Hörl für eine Flugreisen-Werbungssteuer als hilflosen Ablenkungsversuch. Der Dachverband Luftfahrt ist über den unbedachten Ablenkungsversuch von Herrn Franz Hörl, immerhin Nationalratsabgeordneter und ÖVP-Tourismussprecher, gegenüber der APA ausgesprochen verwundert. Denn seine Aussagen disqualifizieren sich selbst: Gerade der Tiroler Skitourismus, den Herr Hörl ungeschickt gegen alternative Urlaubskonzepte zu verteidigen versucht, hängt ganz wesentlich am Luftverkehr und den Incoming-Charterflügen nach Innsbruck. Und das ist auch gut so, denn die dafür eingesetzten modernen Flugzeuge verbrauchen nur ungefähr 3,5 l Kerosin pro 100 km und Passagier. Also deutlich weniger als die meisten Autos, mit denen die Skiurlauber sonst kommen würden. Peter Malanik, Geschäftsführer des Dachverbands Luftfahrt: "Auf vorgebliches Bashing mit ebensolchem gegenüber anderen zu reagieren zeugt nur von Hilflosigkeit".

Update, 9.1.2023, 13:00 Uhr: ÖRV Generalsekretär Dr. Walter Säckl hat ebenfalls eine klare Meinung.

Bei allem Verständnis, dass bei der Seilbahn-Wirtschaft aufgrund der Schneesituation die Nerven blank liegen, ist es absolut ungerechtfertigt, eine Umweltdiskussion auf Kosten anderer touristischer Anbieter vom Zaun zu brechen. Dass sich ein Tourismussprecher, der eigentlich den gesamten Tourismus Österreichs - Incoming genauso wie Outgoing- vertreten sollte, zu derartigen Aussagen hinreißen lässt, ist mehr als bedenklich. Uns ist bewusst, dass der Flugtransport momentan emissionsbedingt klimapolitisch heiß diskutiert wird, an dieser Baustelle wird aber bereits massiv gearbeitet. Nach wie vor ist es allerdings auch eine Tatsache, dass viele Gäste im Wintertourismus, insbesondere ausländische Schiurlauber, für ihre Anreise zu den Schigebieten oder eben anderen Urlaubsdestinationen in Österreich selbst das Flugzeug wählen.

Update, 9.1.2023, 14:00 Uhr: Wiens Tourismusdirektor Norbert Kettner fordert, die "Nachhaltigkeitsdiskussion ganzheitlich zu führen".

Ich habe Verständnis für die Herausforderungen, denen sich die Seilbahnwirtschaft derzeit stellen muss. Es ist allerdings verwunderlich, dass sich der Vertreter einer Branche, die selbst vom Flugverkehr profitiert, gegen ebendiesen ausspricht. Nicht nur Österreichs Städte, sondern der gesamte Tourismus unseres Landes profitiert von Gästen, die auf dem Luftweg anreisen. Weltweit verursacht der Flugverkehr etwa 2,7 Prozent aller CO₂-Emissionen, der Verkehr auf der Straße ist europaweit für ein Fünftel der Emissionen verantwortlich. Städtetourismus stellt sich gerne jederzeit der Diskussion um ökologische, aber auch wirtschaftliche und soziale Nachhaltigkeit. Das vieldiskutierte Thema der sogenannten "last mile" ist in den Städten längst kein Thema mehr, der öffentliche Nahverkehr gut ausgebaut. Die Infrastruktur ist in Städten vorhanden und muss für Gäste nicht künstlich errichtet werden. Wiener:innen emittieren im Schnitt nur halb so viel CO₂ wie der Rest Österreichs. Tourismus in Wien sichert das ganze Jahr über Jobs. Die Diskussion zum Thema Nachhaltigkeit muss man ganzheitlich führen, anstatt einzelne Segmente in Österreichs Tourismusbranche zu diskreditieren.

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