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Analyse zum TUI-Wechsel

Was Sebastian Ebel als neuer CEO anpacken muss

TUI
Sebastian Ebel
Sebastian Ebel

Am 01. Oktober wird Sebastian Ebel als Nachfolger von Fritz Joussen Vorstandsvorsitzender der TUI. Wer ist Ebel, was sind seine Stärken und Schwächen, was bedeutet der Wechsel für die Geschäftspartner und welche Aufgaben muss er angehen?

Über einen Abgang von Fritz Joussen an der Konzernspitze wurde in Hannover schon länger spekuliert. Nun geht er nach fast zehn Jahren – dank einer während der Pandemie ausgehandelten Sonderklausel finanziell bestens abgesichert – Ende September. Verbunden war diese Spekulation immer mit der Frage der Nachfolge. Dass Sebastian Ebel nicht immer als der natürliche Nachfolger galt, hängt längst nicht nur damit zusammen, dass beide mit 59 Jahren gleich alt sind.

Wie begründet der Aufsichtsrat seine Wahl?

Der Aufsichtsratsvorsitzende Dieter Zetsche sieht Ebel für den Neustart nach der Corona-Krise als "exzellente Besetzung". Als Vorstand sei Sebastian Ebel viele Jahre für die strategischen Wachstumsbereiche Hotels, Kreuzfahrten und Aktivitäten zuständig gewesen und habe sie zu den ertragsstärksten Segmenten des Konzerns entwickelt. "Ich bin überzeugt, dass er die TUI zu neuen Erfolgen führen wird. Er ist extrem unternehmerisch und hat strategisch wie operativ einen klaren Anspruch an die Entwicklung der TUI", sagt der frühere Daimler-Chef.

Warum wurde kein CEO von außen geholt?

Als sich vor zehn Jahren die Amtszeit des langjährigen Vorstandschefs Michael Frenzel, der den Industriekonzern Preussag in die heutige TUI umbaute, zum Ende neigte, wollte der Aufsichtsrat bewusst jemand von außen holen, der die Digitalisierung beschleunigt und durch eine höhere Ertragskraft das Vertrauen der Aktionäre wieder gewinnt.

Diesmal kam man nicht an Ebel vorbei – nicht nur, weil für externe Interessenten der Job wenig attraktiv ist. Denn Bedingung für die staatliche Corona-Hilfe war, dass die Top-Manager auf ihre Erfolgsboni verzichten, die bei Joussen den Großteil des Gehalts ausmachen.

Das Touristikgeschäft läuft zwar diesen Sommer wieder fast wie 2019, aber das nächste Geschäftsjahr birgt mit den hohen Energiepreisen, Corona und dem fortdauernden Ukraine-Krieg neue Unwägbarkeiten. In dieser Zeit wollten die Aufseher kein Risiko eingehen, sondern jemanden an der Spitze, der das Geschäft und den Konzern im Detail kennt.

In Krisenzeiten ist es nicht unüblich, dass der Finanzchef CEO wird. So hat die Royal Caribbean Group nach der Pensionierung von Kreuzfahrt-Legende Richard Fain mit Jason Liberty auch den CFO an die Spitze befördert.

Hohe Schulden und blockierter Großktionär

Neben den branchenweiten Herausforderungen hat TUI noch zwei ganz spezielle: Die im Zuge der staatlichen Corona-Stabilisierungspakete gewährten Kreditlinien wurden zwar jüngst schon ein Stück weit zurückgefahren, per Ende März lag die Nettoverschuldung des Konzerns aber immer noch bei knapp vier Milliarden Euro.

Zudem ist der Hauptaktionär Alexej Mordaschow, der TUI in entscheidenden Phasen wie der internen Fusion mit der Londoner Veranstalter-Tochter TUI Travel und den Kapitalerhöhungen in der Corona-Krise stets gestützt hat, durch die EU-Sanktionen blockiert. Er hat den Großteil seiner Anteile – 34 % – auf eine Briefkastenfirma seiner Frau auf den Britischen Jungferninseln übertragen und den Aufsichtsrat verlassen.

Was sind Ebels wichtigste Aufgaben?

Aufsichtsrat Zetsche beschreibt es so: "Er wird die Stärkung der Bilanz vorantreiben und hat klare Ambitionen bei Produkt, Service und profitablem Wachstum der Geschäftsfelder." Sprich, er muss die Schulden weiter abbauen, durch Produktqualität die Marktführerschaft festigen, angesichts der Probleme beim Neustart wie dem Flugchaos das Urlaubserlebnis im Blick haben und vor allem die Ertragskraft steigern. Der Börsenkurs ist seit Wochen auf Talfahrt und liegt in London nur noch halb so hoch wie bei einem Zwischenhoch im Februar.

2019 stammten 74 % des Gewinns aus den von Ebel verantworteten Bereichen Hotel, Kreuzfahrt und den Zielgebietsaktivitäten – hier hatte Ebel den strategisch wichtigen Kauf der Plattform Musement eingefädelt. Doch im Hotelgeschäft wurden in der Krise einige ertragreiche Immobilien und Grundstücke verkauft, bis die Kreuzfahrt wieder Erträge wie vor Corona erwirtschaftet, wird es noch dauern. Bei TUI Cruises und Hapag-Lloyd Cruises muss ein künftiger Gewinn zudem mit Joint-Venture-Partner Royal Caribbean geteilt werden.

Was sind Ebels Stärken?

Fritz Joussen, der schon bei Vodafone mit Ebel zusammenarbeitete, beschreibt es so: "Er ist sehr nah am operativen Geschäft, hat umfangreiche Erfahrungen im Tourismus und in der Führung großer Organisationen." Ebel ist kein klassischer Finanzvorstand, der nur die Zahlen im Blick hat. Weil er, bis auf die Jahre 2008 bis 2013, in denen er Finanzchef der ATU Gruppe und von Vodafone Deutschland war, sein gesamtes Berufsleben im früheren Preussag- und späteren TUI-Konzern verbrachte und früh von Frenzel Verantwortung übertragen bekam, kennt er alle Geschäftsfelder und Facetten des Konzerns.

Ebel pflegt einen engen Draht in die Zielgebiete und zu wichtigen Hotelpartnern wie zum Beispiel die Familie Riu. So nimmt er regelmäßig an Treffen mit Hoteliers teil. Gleichzeitig hat er als Finanzvorstand einen engeren Draht zu den Investoren und Analysten entwickelt und hat sich dort Vertrauen erarbeitet.

Zudem ist der Braunschweiger ein Arbeitstier und widmet sich im Stile eines mittelständischen Unternehmers mit vollem Einsatz seiner Aufgabe. Ein Beispiel für seine Trouble-Shooter-Qualitäten war Frenzels Fehlinvestment Castelfalfi. Ebel brachte die Renovierung der Immobilien mit hohem persönlichen Einsatz in Ordnung und das Toskana-Dorf konnte so verkauft werden.

Was sind seine Schwächen?

Seine Stärke des Detailwissens ist zugleich eine Schwäche: Ebel neigt zum Mikromanagement und kümmert sich auch um Dinge, die ein Vorstand vermeintlich nicht mehr auf dem Schirm hat. Anders als Joussen, der intern zwar sehr fordernd ist, aber nach außen hin sehr smart und zugänglich auftritt, der gut präsentieren und komplizierte Sachverhalte anschaulich erläutern kann, ist Ebel kein Mann der großen Bühnenpräsenz. Aber er tritt authentisch und absolut unprätentiös auf.

Intern wird er respektiert, teilweise verschreckt er aber die Mitarbeitenden. "Die Raumtemperatur kann schon mal um ein paar Grad sinken, wenn er zu einem Meeting kommt", beschreibt es eine Führungskraft. Ebel scheut nicht vor einer manchmal sehr robusten Ansprache zurück, die von den Betroffenen als verletzend wahrgenommen werden kann. Ebel selbst ist überzeugt, dass Führungskräfte Kritik aushalten müssen und dass er immer die Sache im Blick habe.

Fakt ist, dass in den vergangenen Jahren einige hochkarätige Führungskräfte wegen Ebels Führungsstil den Konzern verlassen haben und dann an andere Stelle weiter Karriere machten. Dazu gehören Sören Hartmann (heute Rewe-Vorstand), Ingo Burmester (CEO DER Touristik Zentraleuropa), Oliver Dörschuck (CEO D-Marin Gruppe) und zuletzt Marek Andryszak (heute CEO des polnischen Outdoor-Ausrüsters 8 a), dessen Abgang von Reisebüros allerdings geradezu bejubelt wurde.

Was bedeutet Ebels Aufstieg für die Geschäftsparner?

Hart, aber fair – diese Maxime könnte auch für Ebel gelten. Ihm liegt an verlässlichen und langfristigen Geschäftsbeziehungen, sei es zu Hoteliers oder Vertriebspartnern. Joussen wurde von Reisebüros kritisiert, weil er immer stark den Online-Vertrieb in den Mittelpunkt seiner Präsentationen rückte. In der Tat ist TUI bei der Entwicklung von digitalen Prozessen, eigenen Portalen und Apps weiter als viele andere Veranstalter.

Ebel wird die Strategie nicht ändern. Aber es könnte sein, dass er nicht ganz so laut für "Online first" trommelt. Fakt ist nämlich, dass in Deutschland laut Vertriebschef Hubert Kluske immer noch mehr als 70 % der Umsätze über Reisebüros kommen. TUI.com wächst zwar, auch wegen der üppigen Rabatta-Aktionen, stark. Aber der Marktführer vertreibt weitaus weniger als andere Veranstalter über andere OTA wie Check 24, Holidaycheck oder Ab-in-den-Urlaub.

Wie wird die Übergabe mit Joussen laufen?

Joussen hat in einem Mitarbeiterbrief beteuert, er werde bis Ende September noch mit vollem Einsatz das Geschäft steuern. Aber zwangsläufig werden sich die Augen in den kommenden Wochen immer stärker auf seinen Nachfolger richten. Weil Ebel als Finanzchef mittendrin steht, braucht es keine großartige Übergabe. "Für mich persönlich war und ist Sebastian ein sehr geschätzter und verlässlicher Ratgeber, Vertrauter und Sparringspartner", sagt Joussen. "Neben aller Kontinuität wird er als CEO natürlich seine eigenen Akzente setzen".

Ganz so einvernehmlich wie es klingt, ist das Verhältnis aber dem Vernehmen nach nicht. Die Beziehung bekam einen Riss, als Ebel von 2015 bis 2017 in Personalunion mit seinem Vorstandsamt die TUI Deutschland führte. Ebel erreichte, auch wegen externer Krisen wie dem Putschversuch in der Türkei und IS-Terror in Ägypten, nicht die selbst gesteckten anspruchsvollen Ziele.

"Da war er in Meetings bei Joussen nicht mehr der 'liebe Sebastian', sondern wurde wie ein normaler Quellmarktchef behandelt, der seine Zahlen nicht bringt", beschreibt es ein Insider. Ebel nahm darauf hin sogar eine mehrmonatige Auszeit, intern "Sebastical" genannt. Trotzdem werden Joussen und Ebel die nächsten Wochen professionell die Übergabe angehen.

Wer ist Sebastian Ebel privat?

Ebel ist kein Mann, der auf Partys und Branchen-Events anzutreffen ist. Wenn er auf Abendterminen ist, fährt er auch möglichst noch abends nach Braunschweig zurück. Als CEO wird er allerdings den Konzern stärker nach außen repräsentieren müssen. Privat ist er seiner Heimatstadt Braunschweig eng verbunden: Er studierte dort (und später in Marburg) Betriebswirtschaft und er behielt dort immer seinen Wohnsitz.

Finanziell dürfte er seit langem unabhängig sein. Nicht nur wegen der Vorstandsbezüge: Als er 2006 bei TUI ausschied, gründete er in Braunschweig das IT-Unternehmen Eves Information Technology, das erfolgreich Software für mittelständische Firmen entwickelt und dessen Aufsichtsratsvorsitzender er ist.

Lange Präsident von Eintracht Braunschweig

In Braunschweig hat er viel Anerkennung erhalten, weil er bis 2020 mehr als zwölf Jahre erfolgreich Präsident des Fußballvereins Eintracht Braunschweig war. Ebel ist privat ein ausgesprochener Familienmensch. Er ist verheiratet, hat fünf Kinder und verbringt den Urlaub häufig mit der Großfamilie auf Fehmarn. Außerdem ist er Mitglied der Synode der Evangelisch-lutherischen Landeskirche in Braunschweig.

Dieser Artikel erschien zuerst auf fvw.de

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