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Bremst der Klimawandel die Reiselust?

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Die Frage nach den Klimaauswirkungen bleibt der Reisebranche nicht erspart. Gehört doch zum Baukasten "Reisen" ein gewisses Maß an Mobilität und damit eben auch nach heutigem Technologiestand ein großer Treibhausgas-Emittent. Bei Verkehr und Transport fallen eben die meisten Treibhausgasemissionen an, der Klimawandel schärft zusätzlich die Aufmerksamkeit. Überraschenderweise bremst das aber, wie von vielen befürchtet, in keiner Weise die Lust am Reisen. 

Verkehr bleibt Knackpunkt 

Urlaub und Reisen sind mittlerweile fest in unserer Gesellschaft verankert und schon lange keine reinen Luxusaktivitäten mehr. Den damit erworbenen großen Einfluss der globalen Reisebranche zeigt das Bruttoinlandsprodukt. Rund zehn Prozent des globalen BIP entfallen auf Reisetätigkeiten, sieben Prozent aller globalen Exporte gehen auf das Konto der Reisewirtschaft und mehr als zehn Prozent der Jobs werden der Touristik zugeordnet. Die Branche ist groß – hat damit aber auch leider einen spürbaren Einfluss auf die Umwelt. 

Denn zum Reisen benötigt es nun einmal den Verkehr, und hier fallen auch schon die meisten Treibhausgasemissionen an. Ganze drei Viertel aller globalen CO2-Emissionen des Tourismus gehen auf den Transport zurück. Ein Großteil davon auf den Flugverkehr (40 %) sowie die Autonutzung (32 %). Der geringste Teil entfällt – wenig überraschend – auf Bahn- und Busreisen (drei Prozent). Wie wenig hier jedoch in den letzten Jahrzehnten investiert wurde, zeigt sich nicht zuletzt an den überfüllten Zügen der letzten Wochen, u.a. in Österreich und Deutschland. Die Schienen-Infrastruktur ächzte unter dem Andrang aufgrund des KlimaTickets und des 9-Euro-Tickets in Deutschland. Handlungsbedarf bestehe hier in einer Erweiterung des Schienennetzes, was allerdings dauert. So ist Österreichs Straßennetz rund 22 Mal so groß wie das Schienenetz und in den letzten 20 Jahren um rund 17 % gewachsen, während das Schienennetz um 9 % schrumpfte. Die Investitionen bevorzugen weiterhin den Straßenverkehr, der Zuwachs an versiegelten Boden und Flächenverbrauch geht 96 % auf Straßenverkehrsanlagen zurück. (Quelle: VCOE, Stand 2019)

Der Individualverkehr per PKW steht damit in keinem besonders guten Licht, bleibt aber nach wie vor die beliebteste Art des Reisens für die Österreicher:innen – trotz wachsenden Umweltbewusstseins. Die Verbraucher sind sich zwar des Verkehrsproblems laut Umweltprogramm der Vereinten Nationen und einer kürzlich veröffentlichten Studie bewusst, bei der Frage nach Verhaltensänderungen aufgrund des Klimawandels gehört allerdings die Vermeidung von (Langstrecken-)Flügen zu den meistgegebenen Antworten. An geplanten Auslandsreisen ändert das aber nichts.

Reiselust kaum durch Klimawandel gebremst

Auslandsreisen sind weiterhin und gerade nach zwei Jahren eingeschränkter Reisemöglichkeiten durchaus gefragt. Ein kompletter Reiseverzicht aus Nachhaltigkeitsgründen erweist sich ohnehin als Seltenheit, lediglich sechs Prozent der Befragten verzichten zugunsten des Umweltschutzes aufs Reisen. Die Bedrohung durch den Klimawandel hemmt demnach nicht die generelle Reiselust, sondern beeinflusst potenziell die Art und Weise, wie Urlaub gemacht wird. Über die eigenen Landesgrenzen hinaus möchte man also wieder, bleibt nur die Frage wie. 

Nachhaltige Reiseveranstalter könnten hier ein Lösungsansatz darstellen, denn hier gibt es mittlerweile ein ansehnliches Angebot. Aber: allgemeingültige Aussagen über Pauschalreisen, All-inclusive-Hotels oder „Billigreisen“ lassen sich nicht treffen. Neben dem gewählten Verkehrsmittel gibt es weitere Aspekte, die die Nachhaltigkeit einer Reise beeinflussen und im Fokus der Touristen stehen. So können Müllvermeidungsinitiativen für ein Hotel sprechen, oder der schonende Umgang mit Ressourcen. Viele Reisende wünschen sich aber auch einen vermehrten Fokus auf soziale Aspekte, die eine faire Bezahlung des Personals am Urlaubsort garantieren. 

Egal, wie man es angeht, "jeder Schritt in Richtung Nachhaltigkeit zählt", so Rika Jean-François, CSR Beauftrage bei der ITB Berlin. „So kann durchaus auch eine All-inclusive-Anlage verantwortlich und nachhaltig geführt werden, wenn sie beispielsweise ein gescheites Müll- und Wassermanagement vorweist, nachhaltige Energie und lokal produzierte Lebensmittel nutzt und auch die Angestellten aus der Region kommen – das Management sollte aber dahinterstehen. Heute heißt es nicht mehr entweder oder: Kund:innen müssen sich nicht mehr zwischen „preisgünstig“ oder „ethisch korrekt“ reisen entscheiden, da es immer mehr Anbieter:innen gibt, die Nachhaltigkeit in ihrem Produktportfolio etablieren, ohne die Preise anzuziehen." 

Zudem spielen unabhängige Zertifizierungen eine entscheidende Rolle, die den Anbieter:innen als auch den Verbraucher:innen Orientierung bieten und damit "Greenwashing" vermeiden. "Nachhaltiges Denken muss in unser aller Mindset Einzug halten, auch was unser Urlaubsverhalten betrifft: Fahre ich im Inland Bahn, kompensiere ich meinen CO2-Fußabdruck, wenn ich doch fliege, bleibe ich eventuell länger vor Ort, statt Kurztrips zu zelebrieren? Jeder sollte sich die Fragen stellen, ob „Zum Shopping mit dem Flieger jetten“ wirklich notwendig ist. Ich hoffe, dass das bald nicht mehr „hip“ sein wird und glaube, dass wir eine baldige Veränderung dieses „Lifestyles“ sehen“, so Jean-François abschließend.

Politik und Reiseanbieter sind gefordert

Nachhaltige Reiseanbieter bieten vielfältige Möglichkeiten, umweltbewusst zu reisen. Dazu zählen Reiseveranstalter wie „Forum Anders Reisen“, „Gebeco“ und „Intrepid Travel“. Das Potenzial ist vorhanden. Es steht jedoch fest, dass nicht nur die Reisenden für ihr individuelles Verhalten im Fokus stehen, sondern auch die Reisebranche sowie die Politik. Maßnahmen, die ein umweltfreundlicheren Urlaub unterstützen, zu fördern, Informationen für den Umwelteinfluss und -schutz bereitzustellen, Investitionen in umweltfreundlichere Transportmöglichkeiten zu tätigen etc. zählt zu den einigen wenigen ersten Schritten, die forciert werden sollten.

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