Grüne Geschäftsreisen: Standard für CO2-... Plus Artikel
 
Grüne Geschäftsreisen

Standard für CO2-Messung kommt

Lufthansa
Flüge sind die mit Abstand größten CO2-Verursacher auf Reisen.
Flüge sind die mit Abstand größten CO2-Verursacher auf Reisen.

Im kommenden Jahr soll es eine einheitliche Methode zur CO2-Messung bei Geschäftsreisen geben. Das haben EU und Iata angekündigt. Die Business-Travel-Branche sieht eine solche Harmonisierung als Voraussetzung für ihre Klimaprogramme an.

Firmeninterne Treffen sollten genauso vermieden werden wie reine Meet & Greet: Wer bei Accenture eine Dienstreise buchen will, benötigt jetzt eine förmliche Genehmigung. "Während Corona sind unsere Reisen um 90 Prozent zurückgegangen", sagt Travel Manager René Rühl. Auch wenn die Mitarbeiter inzwischen wieder häufiger unterwegs sind: Das Niveau von 2019 will das Unternehmen nicht erreichen – aus Klimaschutz-Gründen.

Dabei setzt Accenture auch auf Sensibilisierung. Außer der Beschäftigten, die ihre Reisen buchen, sehen auch deren Vorgesetzte den für die Reise prognostizierten CO2-Ausstoß. "Vielen öffnet das die Augen", sagte Rühl beim GBTA/VDR-Kongress in Brüssel. Im Zweifelsfall kann er sogar Projektmanager beeinflussen, "die fragwürdige Flüge gestatten". Manchmal reiche es bereits, die Kunden um einen Termin am Mittag statt am Morgen zu bitten. Dann lasse sich der Flug oft durch die Bahn ersetzen.

Für immer mehr Unternehmen ist Klimaschutz wichtig – auch bei Geschäftsreisen. Als größte Umsetzungshürde gilt neben den Kosten jedoch der Mangel an Daten, genauer gesagt: an einheitlichen, zuverlässigen Daten. Denn für deren Messung bedarf es einer standardisierten Methode. Die gibt es nicht.

"Entscheidend dafür, dass Nachhaltigkeit bei Geschäftsreisen eine noch größere Rolle spielt, ist die Frage der Transparenz", sagt VDR-Präsident Christoph Carnier. "Wie viel CO2 wird wo erzeugt? Unternehmen brauchen diese Daten – als Basis für die Entscheidung, was letztlich gebucht wird." Das gilt für die Wahl des passenden Verkehrsmittels generell ebenso wie für den Vergleich der Anbieter untereinander. Zudem dient der Wert als Grundlage für etwaige Ausgleichszahlungen.

"Jeder Klimarechner rechnet anders"

Doch für Hotels gibt es derzeit – bis auf private Zertifikate wie die von HRS – keinen Standard zur Berechnung der Klimagasmenge, die während des Aufenthalts eines Reisenden entsteht. Und in anderen Segmenten unterscheiden sich die Ansätze oft massiv voneinander. So hat die Hochschule Worms Klimarechner für Mice-Veranstaltungen verglichen, berichtet Professor Hans Rück, Dekan des Fachbereichs Touristik.

Ergebnis: Die errechneten CO2-Fußabdrücke für eine und dieselbe Veranstaltung unterschieden sich um bis zu 25 Prozent voneinander. "Jeder Klimarechner rechnet anders", sagt Rück und fordert: "Das darf so nicht bleiben!" Eine einheitliche Berechnungsmethode sei "ganz entscheidend für die Akzeptanz des CO2-Fußabdrucks als Maß für Nachhaltigkeit".

CO2-Menge von vielen Faktoren abhängig

"Um sich bei der Buchung für eine grüne Alternative zu entscheiden, brauchen Unternehmen klare, unabhängige und haltbare Indikatoren", sagt Dan Rutherford vom International Council on Clean Transportation, der 2015 den VW-Abgasskandal aufdeckte. Der CO2-Ausstoß liege zum Beispiel um bis zu 60 Prozent niedriger, wenn bei einem Flug die kürzeste Strecke und das effizienteste Flugzeug gewählt würden.

Schon für 2023 kann die Geschäftsreise-Branche auf Abhilfe hoffen. Sowohl die EU als auch der internationale Luftfahrt-Verband Iata wollen standardisierte Messmethoden veröffentlichen. Die Iata-Methode betrachte auch Faktoren wie den Flugzeugtyp, berichtet Verbandsmanager Michael Schneider. Entwickelt wurde sie gemeinsam mit GBT. Nun wolle man mit weiteren Reisebüros über die Nutzung sprechen.

Messinstrument für gesamte Mobilität

Die EU arbeitet sogar an einer Messmethode, die für die gesamte Mobilität einsetzbar ist – also auch für Straße und Schiene. EU-weit soll sie sich als Standard durchsetzen. Die bisherige Unübersichtlichkeit habe oft Greenwashing zur Folge, kritisiert Walter Götz aus dem EU-Verkehrskommissariat. "Solange Angaben über CO2-Einsparungen nicht reguliert sind, kann letztlich jeder behaupten, was er will."

Doch was auf den ersten Blick gut klingt, hat dennoch Haken. Zum einen bedeute die Existenz eines Standards noch nicht, dass er sich in der Praxis leicht umsetzen lasse, warnt Shelley Fletcher-Bryant von der Beratung Advito: "Die Implementierung in einem Online-Buchungssystem (OBE) ist kompliziert." Zum anderen weise auch die EU-Methode einen Fehlerfaktor auf, da bereits bei der Produktion von Kerosin CO2 entstehe. Dies werde nicht berücksichtigt. "Je nach Herstellungsmethode ist dessen Menge aber höchst unterschiedlich", sagt Rutherford.

Das aber sollte weder Firmenkunden noch Geschäftsreisebüros stören. "Warten Sie nicht ab, bis es die ultraperfekte Methode gibt", appelliert Fletcher-Bryant. Schon mit Hilfe klassischer Daten, die sich in die OBE einbauen lassen, ließen sich Erfolge erzielen. So berechnet etwa der IT-Anbieter Troop für größere Treffen anhand von Teilnehmerdaten die Stadt, bei deren Anreise der geringste CO2-Ausstoß entsteht.

Und das Münchner Start-up Ecomio übersetzt in seiner Software abstrakte CO2-Werte, indem es etwa die Menge geretteten arktisches Eis nennt. "Das motiviert zusätzlich zum Sparen", sagt Gründerin Katharina Riederer.



Dieser Text erschien zuerst auf www.fvw.de.

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