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Osteuropa

Tourismus bricht ein

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Krakau zählt zu den Hotspots im polnischen Tourismus, doch auch Polen meldet rückläufige Zahlen.
Krakau zählt zu den Hotspots im polnischen Tourismus, doch auch Polen meldet rückläufige Zahlen.

Die Auswirkungen des Krieges bedrohen den Tourismus in den osteuropäischen Nachbarstaaten. Vor allem Polen und das Baltikum melden große Einbrüche bei den Touristenankünften. 

Wie fvw.de berichtet, leiden seit Beginn des Krieges Polen, Ungarn, Estland, Lettland, Rumänien und weitere osteuropäische Länder unter einem Rückgang der Touristenankünfte. In Ungarn gab man einen Rückgang der touristischen Ankünfte im Vergleich zum Vor-Corona-Jahr 2019 um 37 % an, in Polen um 60 %.

Dabei hat besonders die "gefühlte" Nähe der Länder zum Kriegsschauplatz Ukraine Bedeutung. "Die Entfernung zwischen Krakau und Kiew ist so groß wie die Entfernung zwischen London und Madrid", zitiert die Zeitung "Travel Tomorrow" Dorota Wojciechowska, Direktorin des "Poland Tourism Board" in London.

US-Tourist:innen lassen sich davon jedoch nicht beeindrucken. Das ungarische Tourismusministerium verzeichnet sogar einen Rückgang von 65 % bei amerikanischen Besucher:innen. 

Die Slowakei meldet einen Rückgang von 49 %, während Estland die Absage vieler Ostsee-Kreuzfahrten bedauert, auf denen St. Petersburg ein beliebter Stopp gewesen ist. Rund 350 Kreuzfahrtschiffe hätten dieses Jahr im Hafen von Tallinn anlegen sollen. Etwa die Hälfte habe die Anfahrt abgesagt, wie die Direktorin des estnischen Fremdenverkehrsamts, Liina Maria Lepik, mitteilte. 

Der Regional General Manager für Europa bei Intrepid Travel, Tom Smith, erklärte gegenüber "CNN", dass die Touristenzahlen besonders in der Donaudelta-Region, die unweit der Ukraine liegt, zurückgegangen seien. Doch diese Entwicklung sei vor allem auf post-pandemische Trends zurückzuführen.

In Lettland wurden etwa 60 % der Hotelbuchungen seit Ausbruch des Krieges storniert und Litauen erreichte im ersten Quartal diese Jahres gerade einmal 50 % des Volumens an ausländischen Touristen von vor der Pandemie. "Die Dinge sind wirklich schlimm, und es gibt keinen Hoffnungsschimmer, dass es bald besser wird. Unser Inbound-Tourismus ist in den vergangenen zwei Jahren um fast 50 % – um genau zu sein, um 47 % – geschrumpft. Der Krieg verschlimmert die Lage nur. Es fehlen gerade viele ausländische Touristen, insbesondere Deutsche, die glauben, dass in Litauen Krieg stattfindet oder hier beginnen wird", sagte Evalda Šiškauskienė, Präsidentin des litauischen Hotel- und Restaurantverbands (LHRA), gegenüber "BNN".

Bulgarien stellt unter den osteuropäischen Staaten einen Sonderfall dar. Die Zahl der russischen Touristen in Bulgarien stieg in den ersten fünf Monaten des Jahres 2022 trotz der Sanktionen im Jahresvergleich um das Vierfache auf knapp 33.600 Reisende. Aufgrund der EU-weiten Sanktionen dürfen diese jedoch nicht direkt nach Bulgarien reisen, sondern müssen über Serbien nach Bulgarien fliegen. Trotzdem bleibt auch dort die Lage aufgrund einer Inflationsrate von 15,6 % weiterhin angespannt. 

In Tschechien beschränkt sich die Zahl der Touristen von Jänner bis März 2022 auf die Hälfte des Jahres 2019, die russischen Gäste – zuvor 130.000 – fallen komplett aus. "Russische Touristen bildeten ein sehr starkes Besuchersegment, aber sie sind praktisch verschwunden", zitiert die "Deutsche Welle" Klara Mala von "Prague City Tourism". Doch auch andere Zielgruppen fallen weg. "Touristen aus China, Indien und anderen asiatischen Ländern werden immer noch vermisst", sagte Patrick Pechac von Lucy Tours in Prag. Heuer würden rund zwei Mio. weniger ausländische Touristen erwartet.

Reisebann für Russland

Im Gegenzug zu den einbrechenden Tourismuszahlen im Osten Europas, fordert der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj einen internationalen Reisebann für alle Russen. In einem Interview mit der US-Zeitung "Washington Post" am Montag sagte er mit Blick auf russische Besatzungsverwaltungen in eroberten ukrainischen Gebieten: "Die wichtigsten Sanktionen sind es, die Grenzen zu schließen, denn die Russen nehmen anderen ihr Land weg" und entfachte damit eine EU-weite Diskussion um das Erschweren oder eine völlige Einstellung der Vergabe von Touristenvisa an Russen. Die baltischen Staaten vergeben bereits jetzt nur noch in Ausnahmen Visa an russische Staatsbürger.

Estland hat in diesem Zusammenhang mit 09. August bekanntgegeben, künftig keinerlei Touristen-Visa an Russen mehr auszustellen und schließt sich damit Lettland und Finnland an. Finnland fordert zudem eine gemeinsam Lösung für den ganzen Schengen-Raum.

Nicht überraschend zeigt sich die Führungsspitze Russlands über Selenskyjs Forderung heftigst empört. Als "äußerst negativ" habe man die Aussagen Selenskyjs aufgenommen und kritisiere die "Irrationalität des Gedankengangs", wie Kremlsprecher Dmitri Peskow am Dienstag der Agentur Interfax zufolge sagte. 

Unterdessen laufen in den sozialen Medien auf Twitter die seit Beginn des Krieges laufenden, abfälligen Bemerkungen und die Beschimpfung Selenskyjs als "größten ukrainischen Clown" durch den früheren russischen Präsident Dmitri Medwedew weiter. Dieser hatte ihn zuletzt sogar mit NS-Diktator Adolf Hitler verglichen. 

Zypern-Tourismus schwer belastet

Auch Zypern kämpft im Schatten des russischen Angriffskrieges um Touristen. Zuvor war das Land eine Top-Destination für russische wie ukrainische Touristen – rund 800.000 Urlauber:innen aus den beiden Staaten besuchten jährlich die Insel, was einem Fünftel aller Ankünfte auf Zypern entspricht. Mittlerweile seien diese auf nahezu null gesunken, wie Euronews mitteilt, was einen schweren wirtschaftlichen Schlag bedeutet, zumal zehn Prozent des BIPs durch Touristen generiert wurde. 

Savvas Perdios, Vize-Tourismusminister, schätzt die Verluste auf 600 Mio. Euro. Allerdings buchten russische Touristen vorwiegend Pauschalreisen, wodurch das Ergebnis der Bilanz etwas abgemildert wird.

"Was die Einnahmen angeht, werden die Folgen für unsere Tourismusbranche geringer sein als der Prozentsatz an fehlenden Reisenden. Denn die meisten Touristen aus Russland buchten Pauschalreisen. Die Ausgaben pro Person und Tag sind bei Reisenden aus Russland geringer als in vielen anderen Märkten", erklärte Perdios.

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