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„Tränen der Demut“

Die komplette Überforderung der Traiskirchner, die hilflose Verzweiflung der Angestellten und freiwilligen Helfer im Auffanglager, die Frustration und die Depression der Flüchtlinge, die Unfähigkeit der heimischen Politik – all das ist nahezu mit Händen greifbar, sobald man das Ortsschild TRAISKIRCHEN passiert.

Die Menschen lungern im Park herum, vor den Einkaufszentren, auf den Straßen – perspektivlos. Die Jugendlichen kicken frustriert gegen die Steinmauer des Zaunes der sie umgibt oder schnippen mit Müllresten und Zigarettenstummeln durch die Gegend. Die Einzigen, die noch lachen, sind die kleinen Kinder, die dreckig, barfuß und schlecht angezogen herumlaufen und mit zerfetzten, luftleeren Bällen spielen. Gefühlt alle zehn Minuten marschiert eine Polizeistaffel vorbei – die Stimmung ist bedrückend. Mein Auto ist gefüllt mit Taschen. Mit Dingen, die "meine" Familie braucht. Parken darf man sein Auto nicht in der Nähe des Lagers, denn innerhalb von Sekunden bilden sich Menschentrauben darum. Verzweifelte Gesichter, die sich an die Scheiben drücken und Hände, die um Hilfe ringen. Sowas kannte ich bisher nur aus Filmen. Ich parke zwei Seitengassen weit weg, hier ist es ruhig und ich mache mich zu Fuß auf den Weg in den Park. Mir kommen zwei junge Burschen entgegen, Afroamerikaner. Sie lachen mich an. Der eine schickt mir eine Kusshand und der andere macht einen übertriebenen Knicks vor mir. "Lästig und nicht angebracht" könnte man jetzt sagen. Ich sage "Ja, ein 15jähriger ist und bleibt halt ein 15jähriger", und muss schmunzeln.  Ich sehe Lehan im Park. Lehan ist Vater von zwei Kindern. Lehan ist Ehemann eines blutjungen Mädchens. Lehan ist Bruder von dem jüngeren Ela. Und Lehan ist mein Freund, meine Kontaktperson. Er übersetzt für mich. Er hilft mir, meine Spenden zu verteilen, er weiß, welche Familie was braucht. Wenn ich mit meinen Rucksäcken und Tragetaschen alleine in den Park gehe, würden diese verzweifelten Seelen sie mir aus den Händen reißen und sie mit ihrer Hilflosigkeit wahrscheinlich dabei zerstören. Im Lager und um das Lager herum muss alles immer sehr ruhig sein, denn die Polizei ist nie weit weg. Lehan sieht mich und winkt, sein zweijähriger Sohn wackelt auf mich zu. Ich drücke ihm einen roten Ball in die Hand, er lacht. Lehan führt mich zu seiner Familie. Sie alle sitzen auf der Wiese, für mich haben sie eine alte, löchrige Sitzauflage mit Blumenmuster aufgelegt. "You sit here" strahlt mich Lehan an. Wir sitzen und plaudern eine Weile, in zwei verschiedenen Sprachen und mit Händen und Füßen geht es schon irgendwie. Lehan und seine Familie leben bereits seit sieben Monaten im Auffanglager. Sein Baby war acht Wochen alt als er und seine Frau geflohen sind. Acht Wochen! Eine Zeit, die in unserem guten Land noch als Mutterschutz gilt. "Gutes Land" so nennt nämlich Lehan Österreich. Seine Familie hat in ihrer Heimat alles verkauft, was nicht niet- und nagelfest war, um Lehan und Ela auf die Reise zu schicken. Auf eine Reise in die Festung Europa. Auf eine Reise zu Frieden, Sicherheit und einer Zukunft. Wenn ich Lehan etwas später über mein Handy mit seinem Vater skypen lasse, werden beide vor Freude schreien und weinen. Mein Blick schweift durch den Park. Die Menschen sitzen in Gruppen zusammen. Sie suchen und finden sich über ihr Herkunftsland und sind ab dann eine Familie. Brüder und Schwestern. Neben uns haben die Kinder Gefallen an den Reifen eines Rollstuhls gefunden, in dem ein älterer Herr sitzt. Seine Begleiter heben den alten Mann auf sein Bitten hin behutsam hoch und setzen ihn in den Schatten unter einem Baum. Die Kinder beschlagnahmen unter lautem Gejohle den Rollstuhl und flitzen mit ihm auf dem Gehweg neben dem Park umher. Zu sagen, wer von ihnen ein Bub oder ein Mädchen ist, fällt schwer. Die Kinder sind wild und bunt gekleidet, mit allem was ihre Eltern als Spenden in die Finger bekommen. Die meisten von ihnen sind barfuß oder haben nur einen Schuh an. Aber das Lachen, das durch den Park klingt, wirkt belebend. Und ansteckend.  Lehans kleinster Sohn lacht nicht. Er ist krank. Er verträgt die Hefe in unserem Gebäck nicht und auch die Laktose in unserem Käse und in der Butter machen dem kleinen Bäuchlein zu schaffen. Er leidet unter Durchfall und fiebert leicht. Seine Bäckchen glühen rot. Lehans Frau stillt ihn, aber wer weiß, wie nahrhaft das noch ist. Ich glaube, dass sie nicht einmal mehr 40 Kilo wiegt. Die Situation ist sehr belastend für sie. Die Hitze, die Nässe, die Gelsen, die mangelnde Hygiene – sie kommt damit nicht so gut zurecht wie Lehan und er sorgt sich sehr um seine Frau. Ich habe Hirsebällchen und Maisstangerl für ihr Baby mitgebracht, die es sich gerade mit beiden Fäustchen auf einmal in den kleinen Mund schiebt. Lehan sagt: "Das ist gut", und seine Frau lächelt mich müde mit ihren leeren Augen an. Während sie mir das alles erzählen, beteuern sie in jeder Sprechpause: "Aber Österreich so gut. Wir nix Beschwerde, wir so dankbar", als hätten sie Angst, mir zu missfallen, wenn sie mir von ihrem Leid erzählen. Vorgestern wurde ihnen gesagt, dass sie wahrscheinlich wieder abgeschoben werden. "Kein Platz", sagt Ela mit einem verzweifelten Lächeln und zuckt mit den dürren Schultern. Mir fehlen plötzlich die Worte und Stille breitet sich in unserer Gruppe aus.  Der Geruch im Park raubt einem den Atem. Es stinkt nach Fäkalien und Schmutz. Die Sonne wird schwächer und bald ist es 18.00 Uhr und die Menschen müssen sich im Lager zurückmelden. Langsam aber sicher ist es Zeit für mich, aufzubrechen. Lehan und sein Bruder Ela begleiten mich zu meinem Auto. Ich gebe ihnen die Tragetaschen aus dem Kofferraum. Darin sind Bananen und Äpfel, Babykekse, Babymilch, Windeln, ein paar Schuhe für Lehan und eine Hose für seine Frau, eine kurze Short für Ela, zwei T-Shirts für ihren Sohn und ein Strampelanzug für das Baby, ein paar Straßenmalkreiden, Seifenblasen, Malstifte, ein Zeichenblock und ein paar Schachteln Zigaretten. Sie legen ihre gefalteten Hände an ihre Stirn und verbeugen sich leicht: "Danke Danke Danke". Lehan und Ela, die in ihrer Heimat Ingeneure waren und somit einen höher angesehenen Berufsstand bekleiden, als ich es jemals tun werde. Lehan und Ela, die mich fragen, ob ich ihnen beim nächsten Mal ein Gelsenschutzspray und Sonnencreme für die Kinder mitnehmen kann, weil das zu teuer ist um es selbst zu kaufen.  Endlich darf ich ins Auto steigen. Ich sehe sie noch durch meine Rückscheibe winken und dann muss ich meine Tränen nicht mehr zurückhalten. Auf dem 20minütigen Heimweg in meinem Mercedes-Kombi, zurück in mein Reihenhaus mit Garten, zurück zu Flatscreens, Pools und Urlaubsfotos in schönen Rahmen, zurück in die Arme meiner liebenden und gesunden Familie.  Es sind Tränen der Demut.  Anmerkung der Redaktion: Helfen kann so einfach sein, helfen wir alle mit!

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