traveller online: "Tränen der Demut" – ... Plus Artikel
 
traveller online

"Tränen der Demut" – Fortsetzung

“Man sieht nur mit dem Herzen gut.

Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar."

Was ich sehe ...

… Ehlem ist seit etwa acht Tagen im Lager. Sie schläft mit ihrem vier Wochen alten Sohn auf einer fleckigen Isomatte. Bett oder Zeltplatz haben sie keinen bekommen. Ihr Mann hat ihnen ein provisorisches Dach aus Regenjacken zusammengeflickt, als Schutz gegen Sonne und Regen. Der Beton unter uns dampft und ihr Baby liegt glühend heiß in meinem Armen. Wir warten auf Spenden und sie kann sich neben mir endlich ein bisschen ausruhen. Funktionieren tut das aber nicht richtig, bei jedem lauteren Geräusch schreckt sie hoch. Und im Lager in Traiskirchen gibt es viele laute Geräusche. Von der unerträglichen Hitze und dem Summen der Insekten um uns herum ganz zu schweigen. Wenn Ehlem etwas später aus dem Kofferraum eines Helfers zwei Wasserflaschen ergattert, bietet sie mir ohne zu zögern eine davon an.

Was ich sehe ...

… Lehan und seine Familie wurden abgeschoben. Keine Beweise dass "Leib und Leben" bedroht sind, also zurück mit der fünfköpfigen Familie. Zurück mit Lehan und Ela, den zwei Ingenieuren, die so gerne in unserem "guten Land" gelebt und gearbeitet hätten und die mit ihren klugen Köpfen sicherlich ein großer Gewinn für Österreich geworden wären. Zurück mit Lehans Frau und ihren zwei Kindern, eines davon noch im Krabbelalter. Zurück mit ihnen, in ein Land ohne Zukunft, in ein Leben ohne Hoffnung, auf eine Reise ohne Geld, zu einer Familie, die sie enttäuscht haben. Als ich sie zum letzten Mal sehe, umarmen sie mich. Ganz fest. Und sie geben mir all die Sachen zurück, die sie von mir bekommen haben. "Gib sie den anderen", sagen sie.

Was ich sehe ...

… ein kleines Mädchen, das über die Straße läuft, um ein paar Schuhe, die in ihrem Spendenrucksack waren, einer Mutter mit ihrem Sohn zu schenken. Mütter die Windeln und Babynahrung untereinander tauschen, teilweise ohne sich gegenseitig zu verstehen. Ein alter Mann, der seinen Sack mit Äpfeln aufreißt und sie an umstehende Kinder verteilt. Junge Burschen, die aus alten Kartons ein schattiges Plätzchen für eine schwangere Frau bauen. Ein Baby, das von zehn verschiedenen Händen gestreichelt wird. Ein junger Mann, der sich und seinen Freunden laut lachend mit unserem Gaffa-Tape ein Paar Schuhe bastelt.

Was ich sehe ...

… unzählige angebotene Zigaretten aus zerknautschten Päckchen. Unzählige hingehaltene Obststücke aus zerrissenen Säcken. Unzählige Unterhaltungen in unzähligen Sprachen. Unzählige gereichte Hände. Unzählige offene Lächeln. Unzählige ehrliche Umarmungen. „Kriminell", "verhaltensauffällig", "gefährlich", "schlecht", "unangenehm", "böse", "feindlich", "angsteinflößend", "fremd", "ungewollt", "schändlich", oh ja, ich empfinde diese Dinge auch. Ich empfinde sie sogar sehr stark. Und zwar, wenn ich an den Staat Österreich und seine nach innen und außen wirkende Regierung denke! Wenn ich Schlagzeilen der heimischen Zeitungen lese! Wenn ich hässliche, wütenden Lügen von selbsternannten Patrioten höre! Schließt eure Augen und öffnet eure Herzen! Denn mehr braucht es manchmal gar nicht ...
stats