Jahresstatistik AKV: Insolvenzzahlen hab... Plus Artikel
 
Jahresstatistik AKV

Insolvenzzahlen haben stark zugelegt

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Wöchentlich wurden österreichweit 56 neue Insolvenzverfahren eröffnet.
Wöchentlich wurden österreichweit 56 neue Insolvenzverfahren eröffnet.

Der Alpenländische Kreditorenverband (AKV) hat seine Jahresstatistik für 2022 veröffentlicht. Im Vergleich zu 2021 haben die Firmeninsolvenzen in Österreich um 64,63 Prozent zugenommen.

Insgesamt haben 4.967 Firmen im Jahr 2022 Insolvenz angemeldet. Damit haben die eröffneten Firmeninsolvenzen in allen Bundesländern exorbitant zugenommen. Laut AKV liege der Grund dafür bereits in den Jahren 2020 und 2021, als das Vertrauen auf staatliche Stützungsmaßnahmen eine drastische Verlagerung der Insolvenzeröffnungen von Eigen- zu Gläubigeranträgen hervorbrachte.

Jetzt hätte die Bereitschaft der Unternehmen ihre Zahlungsunfähigkeit einzugestehen abgenommen. Damit würden auch zunehmende Verletzungen von Insolvenzantragspflichten einhergehen. Rund zwei Drittel der Insolvenzeröffnungen für 2022 erfolgten daher nicht auf Initiative des schuldnerischen Unternehmens, sondern über Anträge von Gläubigern. 


Eine weitere, laut AKV bedenkliche Entwicklung sei im Bereich der "Insolvenzabweisung mangels Masse" feststellbar. In diesen Fällen sei nicht einmal ein Vermögen von 4.000 Euro zur Deckung der Verfahrenskosten vorhanden, sodass ein formelles Insolvenzverfahren nicht eröffnet wurde. Diese sogenannten abweisenden Verfahrensbeschlüsse haben sich von 957 auf 2067 Fälle mehr als verdoppelt (+ 115,99 Prozent). 

"Diese Entwicklung dokumentiert, dass während der Pandemie zahlreiche Unternehmen trotz bereits vorliegender Vermögenslosigkeit die staatlichen Stundungen in Anspruch genommen haben und erst jetzt in den Verfahrenszahlen ihren Niederschlag finden", so der AKV in einer Pressemitteilung. Damit hätte sich seit dem Jahr 2020 durch die staatlichen Corona-Unterstützungsmaßnahmen ein Rückstau von mehr als 2.000 Firmeninsolvenzen aufgebaut. Mit Auslaufen der Stundungen würden wiederum vermehrt Insolvenzanträge seitens der öffentlichen Hand gestellt werden, wie der AKV analysiert.

Nicht nur die Kleinen betroffen

Auch größere Unternehmen seien vermehrt durch die inflationäre Entwicklung, verbunden mit den gestiegenen Energie- und Produktionskosten, dazu gezwungen, einen Eigenantrag auf Insolvenzeröffnung zu stellen. Gegenüber 2021 war hier ein erheblicher Anstieg der Sanierungsverfahren ohne Eigenverwaltung auf 235 feststellbar. Die Gesamtpassiva sind im Jahr 2022 um 29,34 Prozent gestiegen.

Die Anzahl der gefährdeten Arbeitsplätze ist um 52,16 Prozent von 7.328 auf 11.150 gestiegen. Die meisten Dienstnehmer (2.072) waren im Jahr 2022 von Bauinsolvenzen betroffen, gefolgt vom Handel mit 1 976 betroffenen Dienstnehmern. Die Branche mit den zahlenmäßig meisten Insolvenzeröffnungen war die Baubranche (585), gefolgt vom Handel (480) und der Gastronomie (372).

Aufhebung Firmeninsolvenzen

2.469 Firmeninsolvenzen konnten im Jahr 2022 beendet bzw. abgeschlossen werden. In 667 Verfahren (27,01 Prozent) wurde mit den Gläubigern ein Sanierungsplan abgeschlossen. Bei 188 Einzelunternehmen (7,61 Prozent) wurde nach Schließung des Unternehmens ein Zahlungsplan vereinbart. In mehr als einem Drittel der Verfahren kommt es daher zur Annahme von Entschuldungsvorschlägen, ein international hervorragender Wert. Anderseits endeten 699 Verfahren (28,31 Prozent) mit einem Totalausfall für die Gläubiger.

Ausblick

Die 2.900 Insolvenzeröffnungen liegen nur mehr knapp unter dem Wert vor der Pandemie im Jahr 2019, in welchem über das Vermögen von 3.044 Unternehmen ein Insolvenzverfahren eröffnet wurde. Der Corona-Nachholeffekt der letzten drei Jahre wird derzeit verstärkt von der inflationären Entwicklung, den gestiegenen Energie- und Produktionskosten, vermeintlichen Produktionsstopps aufgrund von Lieferengpässen und Personalnot sowie einem vorhersehbaren Konsumrückgang durch sinkende Kaufkraft der Konsumenten und Kunden.

Die neuen Kreditrichtlinien und eine damit verbundene „Kreditklemme“ werden auch am Immobilien- und Finanzdienstleistungssektor Insolvenzen auslösen. So verzeichnen Bauträger nicht nur rückläufige Verkäufe, sondern vereinbarte Pauschalpreise verhindern oft die Weitergabe der gestiegenen Preise und eine Weiterfinanzierung begonnener Projekte.

Der AKV rechnet daher auch im Jahr 2023 mit einem weiteren Anstieg der Firmeninsolvenzen, welcher das Vorkrisenniveau 2019 noch überschreiten wird. 

Privatinsolvenzen verzeichnen ebenfalls Anstieg

Österreichweit haben die eröffneten Privatinsolvenzen im Jahr 2022 um 13,36 Prozent von 7.208 auf 8.171 Schuldenregulierungsverfahren zugenommen.

Am Privatkonkurssektor führen erhebliche regionale Besonderheiten zu differenzierten Betrachtungen. So haben beispielsweise in Wien die eröffneten Privatinsolvenzen sogar um 0,11 Prozent gegenüber dem Vorjahr abgenommen, während in allen anderen Bundesländern Zunahmen zu verzeichnen sind, die größte Steigerungsrate weist Niederösterreich mit einem Plus von 27,93 Prozent auf.

Regional ist auch die Steiermark hervorzuheben. Die 1.049 Eröffnungen bedeuten für dieses Bundesland, dass das bisherige Rekordpleitenjahr 2018 mit 1.024 Eröffnungen abgelöst wurde. Österreichweit bleibt man noch hinter den Zahlen der Rekordjahre 2018 mit 10.058 Eröffnungen und 2019 mit 9.497 Eröffnungen zurück.

Da nur ein geringer Anteil an Verfahren auf Gesamtvollstreckungen entfällt, leitet der AKV daraus ab, dass abweichend zu den Firmeninsolvenzen im Bereich der Privatinsolvenzen ein Großteil der Verfahren (97,42 Prozent) auf Eigenantrag und somit über Eigeninitiative der Schuldner eröffnet wurden. 

Trotz des Anstiegs der eröffneten Privatinsolvenzen um 13,36 % sind die Gesamtpassiva von 943,0 Mio. Euro auf 917,9 Mio. Euro gesunken. Dadurch hat sich auch die Durchschnittsverschuldung von 130.800 Euro auf 112.300 Euro reduziert.

Eklatant ist jedoch die unterschiedliche Durchschnittsverschuldung bei Männern (131.500 Euro) gegenüber jener bei Frauen (78.600 Euro). Ca. zwei Drittel der Verfahren (63,70 Prozent) betreffen Männer.

Mit zunehmendem Alter steigt auch die Durchschnittsverschuldung. Mehr als die Hälfte der Verbindlichkeiten (511,6 Mio. Euro) und der Verfahren (4.111) entfällt auf die Altersgruppe der 40 bis 59 Jährigen. Besorgniserregend ist, dass im Jahr 2022 über das Vermögen von 158 Personen Schuldenregulierungsverfahren eröffnet wurden, die jünger als 24 Jahre waren und deren Durchschnittsverschuldung 37.700 Euro betragen hat.

In Österreich werden wöchentlich 157 Privatkonkurse eröffnet. 8.247 Schuldenregulierungsverfahren konnten 2022 beendet bzw. abgeschlossen werden. 

Ausblick Privatinsolvenzen

Im Bereich der Privatinsolvenzen werden die Teuerungswelle sowie steigende Zins- und Kreditkosten mittelfristig zu einer Verschiebung der Insolvenzursachen führen. So werden die Insolvenzursachen für Konsumenten vermehrt in gestiegenen Lebenserhaltungskosten liegen und weniger auf eine Arbeitslosigkeit zurückzuführen sein.

Dass die eröffneten Privatinsolvenzen unter den Werten der Jahre 2018 und 2019 liegen, ist laut AKV darauf zurückzuführen, dass weniger Beratungen in Präsenz abgewickelt werden konnten. Hinzugekommen ist, dass sich aufgrund der Teuerungswelle die Schuldnerberatung eher in eine solche einer Existenzsicherung verlagert hat, so dass eine dauerhafte Schuldenregulierung sekundäre Bedeutung erlangte.

"Für 2023 rechnen wir damit, dass der Wert von 2019 von ca. 9.500 Verfahren wieder erreicht werden wird. Mit wesentlichen Steigerungsraten ist ohne Aufstockung der Personalkapazitäten der Schuldnerberatungen jedoch nicht zu rechnen."

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