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Arbeitsmarkt

"Ein Papamonat zählt mehr als ein Firmenwagen"

CASH/Sabine Klimpt
AMS-Chef Johannes Kopf rechnet mit deutlichen Lohnsteigerungen im Kampf der Unternehmen um Arbeitskräfte.
AMS-Chef Johannes Kopf rechnet mit deutlichen Lohnsteigerungen im Kampf der Unternehmen um Arbeitskräfte.

Rekordbeschäftigung, ein prognostiziertes hohes Wirtschaftswachstum, aber ein sinkender Zustrom von Arbeitskräften stellen die Wirtschaft vor enorme Herausforderungen. AMS-Chef Johannes Kopf glaubt nicht an eine Konkurswelle, jedoch an steigende Löhne.

Herr Kopf, Corona hat den Arbeitsmarkt in den letzten zwei Jahren maßgeblich durchgebeutelt. Was sind Ihrer Meinung nach die größten Veränderungen des Arbeitsmarktes?
Johannes Kopf: Die größte Veränderung war natürlich der enorme wirtschaftliche Einbruch, der dazu geführt hat, dass die Arbeitslosigkeit massiv angestiegen ist, also binnen 14 Tagen um mehr als 200.000 Personen. Ehrlich gesagt war ich sehr überrascht, dass meine Organisation diese Mengen überhaupt so rasch registrieren, sozialversichern und mit Arbeitslosengeld versehen konnte. Dass das gelungen ist, war auch der Tatsache geschuldet, dass auch die Wochenenden und die Abende durchgearbeitet wurde. Dafür bin ich meinen Kolleginnen und Kollegen sehr dankbar.
Der wirtschaftliche Einbruch hätte dabei sogar zu einer Arbeitslosigkeit geführt, die jenseits der Million gelegen hätte, hätte es die Kurzarbeit nicht gegeben. Der Höhepunkt lag ja bei 1,3 Mio. Menschen in Kurzarbeit. Eine gigantische Herausforderung, auch für meine Organisation, wenn Sie an die 120.000 Anträge im letzten Jahr denken. Zum Vergleich: In der großen Wirtschaftskrise 2009 hatten wir keine 600 Anträge.

Gleichzeitig, und das war auch entgegen jeder Prognose, hatten wir eine extrem schnelle Erholung im Jahr 2021. Wir hatten keine Erfahrungen mit einer Wirtschaftssituation, in der Waren und Dienstleistungen zwar nachgefragt gewesen wären, die aber nicht verkauft werden konnten bzw. durften. Das war neu und anders als bei einem normalen Konjunktureinbruch. Und wie reagierte die Wirtschaft, als wieder aufgesperrt wurde? Ich habe es in einem Kommentar mit jungen Hunden verglichen, die stundenlang nicht hinausdurften, und plötzlich öffnen Sie die Türe in den Garten. Ähnlich war das Wachstum nachher.

Nun liegt die Arbeitslosigkeit ja wieder unter dem Vorkrisenniveau, war das zu erwarten?
Nein. Eine solche Trendwende war nicht vorherzusehen.

Welche Entwicklungen erwarten Sie für das heurige Jahr?
Wir kommen jetzt in eine Zeit, in der ganz viele Branchen um Arbeitskräfte ringen werden. Wir müssen zwar noch sehen, welche Auswirkungen Omikron haben wird, aber es ist ein Wirtschaftswachstum von 5 Prozent für heuer prognostiziert, so ein Wachstum hatten wir zuletzt in den 1970er Jahren! Und wir haben jetzt schon eine Arbeitslosigkeit, die unter der von 2019 liegt.


„Wegen 5 oder 10 Prozent (Lohn-)Steigerung wechseln Beschäftigte nicht gleich den Job, bei 20 Prozent schon. “


Was kann das konkret bedeuten?
Gleichzeitig werden nahezu alle Branchen um Arbeitskräfte ringen und da gibt es Branchen, die haben an sich schon einen leichteren Start, weil sie ein höheres Lohnniveau haben. Es wird wohl auch zu Verschiebungen zwischen den verschiedenen Branchen kommen, wahrscheinlich auch zu Lohnsteigerungen. Wir sehen in Untersuchungen, dass Jobwechsel meist mit Lohnsteigerungen von 20 Prozent Brutto verbunden sind. Das kann ein Aufstieg ebenso sein wie Abwerbungen. Wegen 5 oder 10 Prozent Steigerung wechseln Beschäftigte nicht gleich, aber bei 20 Prozent schon.

Die Situation spitzt sich also zu, was kann das AMS hier leisten?
Jedes Jahr machen wir die Aktion „AMS on tour“, wo wir Betriebe besuchen, normalerweise, um Stellen zu akquirieren. Im vergangenen Jahr haben wir mehr als 7.000 Betriebe live oder per Videokonferenz besucht. Diesmal lag der der Fokus jedoch woanders.

Was haben Sie bei AMS on Tour daher gemacht?
Wir haben keine Stellen geworben, davon haben wir ohnedies genug. Wir haben Betriebe beraten, wie Sie ihre Mitarbeitenden halten können oder neues Personal finden. In unserer Impulsberatung, die wir bereits seit über zehn Jahren anbieten, arbeiten wir mit Unternehmensberatern zusammen, lokalisieren gemeinsam die Herausforderungen, die die Betriebe in Bezug auf ihre Mitarbeiter lösen müssen. 

Um welche Themen ging es da?
Employer Branding, Personalplanung, Einkommensberichterstellung, Anti-Diskriminierungsthemen oder eben das zentrale Thema Fachkräftemangel und Mitarbeiter halten, aber auch Personalentwicklung. Wenn ein Unternehmen niemanden findet, der diese spezielle Aufgabe übernehmen kann, dann funktioniert es oft, die eigenen Leute höher zu qualifizieren und die dadurch freigewordenen Stellen im Unternehmen neu zu besetzen. Bei beidem können wir helfen. Vielleicht muss man auch an der Arbeitszeitschraube drehen?


„Da muss der Betrieb eben flexibel sein.“


Wie zum Beispiel?
Im Tourismus habe ich eine Anzeige in zwei Versionen gesehen. Die eine hieß Money Maker für einen 6-Tages-Job, der andere hieß Work-Life-Balance mit 4-Tage-Woche für die gleiche Stelle. Da muss der Betrieb eben flexibel sein. Es gibt auch Industriebetriebe, die wir auf den Gedanken gebracht haben, dass man Schichtarbeit auch in Teilzeit anbieten kann. Das ist kompliziert und schwierig, doch man kann es lösen, und dann bewerben sie sich Frauen. Eine weitere Frage ist auch: wie gut ist mein Inserat?

Sie verleihen seit vielen Jahren das Best Recruiter Siegel. Helfen diese Dinge?
Auf jeden Fall. Da geht es um den Zauber, den Unternehmen versprühen, wenn sie sich präsentieren, Feedback organisieren, Bewerbungen behandeln. Manche bieten bereits vorab virtuelle Reisen durch das Unternehmen für Interessierte an.

Wer macht es Ihrer Meinung nach schon sehr gut?
Sehr vereinfacht gesagt, sind die Großen schon weiter als alle Kleinen. Dort, wo es ein HR-Department gibt, das sich mit Recruitment beschäftigt, machen sich auch mehrere Menschen Gedanken darüber. Es gibt aber auch Große, die es nicht können, und viele Kleine, die es gut machen.
 

„Hier kann man ohne weiteres Kopieren und Abkupfern.“


Was raten Sie?
Hier kann man ohne weiteres Kopieren und Abkupfern. Hier kann die Branchenvertretung unterstützen durch Vorträge und Weiterbildungen, auch wir helfen gerne. Es geht um den Kampf um Talente.

Ist das ein regionaler Kampf?
In mehrfacher Hinsicht ja. Auf der einen Seite ist es eine Frage des Wettbewerbs der Regionen, die nebeneinanderliegen, nicht nur der Branchen. Das Umland Linz pendelt nach Linz, daher sind die Arbeitslosenquoten von Rohrbach so niedrig.

Was können Regionen tun?
In Deutschland, wo der Arbeitskräftemangel noch stärker ist, positionieren sich Regionen schon ähnlich wie bei der Tourismuswerbung. Hier geht es um auch um die Frage, ob es genügend Wohnraum zur Miete gibt? Denn Menschen, die wegen des Jobs übersiedeln, kaufen sich nicht gleich eine Immobilie. Schulen, Kindergärten, und auch Chancen für den Partner, auch dort Arbeit zu finden. Welche sozialen Kontakte gibt es, um in die Gesellschaft hineinzukommen? In Österreich versucht das zum Beispiel der Raum Pongau in Salzburg schon.

Was geschieht da?
Dort gibt es eine gute Mischung aus Industrie und Tourismus, sie arbeiten sehr eng mit dem AMS Wien zusammen, um überregionale Vermittlungen aus Wien heraus zu ermöglichen. Da kann man auch in Betrieben schnuppern kommen.


„Viele sprechen da jetzt, auch in den USA von ‚The Great Resignation‘, oder ‚The Big Quit‘, also überdurchschnittliche viele, die ihre Jobs aufgeben.“


Wie haben sich die Gründe für die Arbeitslosigkeit verändert durch die Pandemie?
Zu Beginn gab es natürlich Lösungen von Seiten des Arbeitgebers, aufgrund von Unsicherheit. Die Verlässlichkeit der Kurzarbeit hat dann aber viele in ihrer Beschäftigung gehalten, das war ja auch der Sinn. Als die Kurzarbeit im Mai oder Juni 2021 zu Ende war, haben viele Beschäftigte, die sich schon länger verändern wollten, dann ihr Dienstverhältnis gelöst. Viele sprechen da jetzt, auch in den USA von „The Great Resignation“, oder „the Big Quit“, also überdurchschnittliche viele, die ihre Jobs aufgeben.

Ist so etwas bei uns bemerkbar?
Ich halte das für ein überschätztes Phänomen, das hat sich vor allem nur was aufgestaut. Viele haben ihren normalen Berufswechselwunsch bis zu einer günstigeren Möglichkeit aufgehoben. Doch die werden in der Regel nicht arbeitslos, sondern wechseln. Was wir schon sehen, ist die Entwicklung, dass viele nicht in ihre Branche zurückwollen.

Zum Beispiel?
In den Tourismus, aufgrund der steigenden Unsicherheit, geschlossene Hotels, verkürzte Saisonen, eine enorme Kurzfristigkeit bei der Planung. Viele suchen sich hier einen Job in Ganzjahresbeschäftigung. Da hat es die Branche schwer. Doch ich denke, da muss man den Handel immer mitdenken, wie beispielsweise im Zillertal.

In der Pandemie haben wohl viele Menschen über Ihre Zufriedenheit im Job nachgedacht …
Große Arbeitsgeber klagen auch bei mir, dass es Arbeitskräfte gibt, die nur mehr 80 Prozent arbeiten wollen, die Zeit mit der Familie genossen haben und nun mehr Work-Life-Balance wollen. Hier hat sicherlich eine Reflexion stattgefunden, das wird aber zu einem Teil wieder verschwinden.

Andererseits bieten Sie ja genau hier Beratung an, um auf geänderte Mitarbeiterbedürfnisse mit Arbeitsformen zu reagieren?
Da hat sich viel gewandelt, auch aufgrund der Demographie. Die Anreize der Mitarbeiter haben sich stark gewandelt. Heute zählt Work-Life-Balance oder ein Papamonat mehr als Laptop und Firmenwagen. Das ist ein Wohlstandsphänomen, aber kein schlechtes. Wenn jetzt der Markt ein wenig dreht und sich die Arbeitgeber mehr bemühen müssen, dann ist das so, es ist ein Markt. Es ist herausfordernd, aber wir unterstützen gerne.


„Mancherorts ist die Wirtschaft ja fast schon entfesselt.“
 

Gibt es Szenarien für 2022?
Wir sehen ein enormes Wachstum, wie schon gesagt, mit bis zu 5 Prozent. Hier sind sicherlich auch Nachholeffekte aus der Pandemie abgebildet, Essen, Urlaube, aber auch Hochzeiten wollen nachgeholt werden. Mancherorts ist die Wirtschaft ja fast schon entfesselt. Diese Szenarien führen zu Besetzungsschwierigkeiten, Wettbewerb, und wahrscheinlich auch steigenden Löhnen. Dazu kommen Probleme wie Lieferengpässe wie der Chipmangel oder hohe Rohstoffpreise.

Fürchten Sie keine verschobene Pleitewelle?
Nein, der Staat hat so großzügige Auffangmaßnahmen gesetzt, dass sich in den 2020er Jahren die Konkurse halbiert haben. Jetzt passieren sie wohl nicht, weil wir so viel Wachstum haben werden, dass ausreichend Produkte und Dienstleistungen nachgefragt werden. Das hat funktioniert, es hat ja auch genug Geld gekostet.

Herzlichen Dank für das Gespräch.

Dieses Interview erschien (in voller Länge) zuerst bei cash.at

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