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Ein Berg für alle

Roman Zach-Kiesling
Bernd Scharfegger und sein Vater Fritz, einer der Tourismuspioniere auf der Rax. Beide haben das touristische Angebot der Region nachhaltig geprägt.
Bernd Scharfegger und sein Vater Fritz, einer der Tourismuspioniere auf der Rax. Beide haben das touristische Angebot der Region nachhaltig geprägt.

Die Rax ist einer der beliebtesten Ausflugsberge im Osten Österreichs. An der Zukunft der Seilbahn und den Tourismusbetrieben wird von der Gastgeberfamilie Scharfegger trotz zuletzt einiger ungewollter Achterbahnfahrten fleißig gebastelt.

Rax Historie

© Scharfegger’s Raxalpen Resort (7), Roman Zach Kiesling (4), Arthur Michalek (2) 
Vergangenheit und Zukunft in dieser Bildergalerie: vom Bau der Rax-Seilbahn, über die ersten Erfolge bis zu aktuellen Hits bei den Gästen wie das Schneeschuhwandern.

 

Die Rax war schon um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert ein gern besuchtes Ziel des Stadtbürgertums. Einer der oft gesehenen und gleichsam berühmten Wanderer am Berg war zum Beispiel Sigmund Freud. So richtig los mit der Begeisterung der Massen ging es mit der Eröffnung der Rax-Seilbahn, der ersten Personen-Seilschwebebahn Österreichs, im Sommer 1926.

Seit einem halben Jahrhundert setzt die Familie Scharfegger hier touristische Akzente. Den Grundstein für das erfolgreiche Familienunternehmen legte Fritz Scharfegger mit seiner Frau Grete im Jahr 1970. Heute heißt der Chef Bernd Scharfegger. Der Niederösterreicher steht seinem Vater in der unternehmerischen Kraft um nichts nach. Nach seiner Matura an den Tourismusschulen Semmering forderte er sich bei Hilton in Denver (USA) und bestätigt seit seiner Rückkehr und den Einstieg in den elterlichen Betrieb seinen Ruf als Tourismusmacher. 

Zu den Leitbetrieben zählen heute der Raxalm-Berggasthof, das Ottohaus, die Café-Konditorei Reichenau, Scharfegger‘s Raxalpenhof – Zuhause am Land und der Kaiserhof in Prein, das Tanz- und Eventlokal Preiner-Stadl, das Raxalpen Resort Office in Reichenau und der Neuzugang „am Wasserwerk“ Restaurant Kaiserbrunn. Im Mittelpunkt steht natürlich die Rax-Seilbahn, denn ohne die „Green Queen“ gäbe es vieles davon wahrscheinlich nicht. 

Ein Jahr des Auf und Abs

„Wir waren gemeinsam in einer Achterbahn“, formulierte es Bernd Scharfegger in seiner Rede zu seinen Mitarbeitern am Ende des Vorjahres. War für ein touristisches Unternehmen das erste Corona-Jahr schon schwierig, ging es im darauffolgenden beinahe noch holpriger weiter. Aus verschiedenen Gründen. Ein wettertechnisch „katastrophaler Mai“ leitete den Sommer ein und im Juli passten die Zahlen nicht. „Wir haben uns gefragt, was ist da los? Haben wir etwas falsch gemacht“, erinnert sich der Seilbahnchef im Gespräch mit stammgast.online an die Zweifel. Der Grund war jedoch nur die aufgestaute Sehnsucht der Menschen nach Sonne, Sand und Meer. Glücklicherweise zog im August das Geschäft kräftig an. 

Der September war dann der beste in der Unternehmensgeschichte – und dann brach im Höllental die Hölle aus. Am zum Schneebergmassiv gehörenden, der Rax gegenüberliegenden Berg tat ein Waldbrand sein zerstörerisches Werk. „Da wurden wir medial vernichtet“, klagt Scharfegger über die Berichterstattung über das missverständlich als „Rax-Inferno“ bezeichnete Unglück. Das Geschäft der Touristiker rasselte gegen null, es folgten nur noch Stornierungen, „die Leute waren verängstigt und teilweise hysterisch.“

Weniger Regeln, mehr Sinn

Trotz des turbulenten Vorjahrs bleibt Scharfegger für heuer optimistisch. Zwar verblies der starke Wind den Jänner etwas, aber „ich sehe die Zukunft für unser Unternehmen und unsere Region sehr positiv“. Eine Voraussetzung dafür sei, dass die einschränkenden Maßnahmen spätestens im Sommer ihr Ende finden. „Durch die 2G-Regel spaltet man die Gesellschaft. Dass wir Menschen, die eine Dienstleistung wünschen, wegschicken müssen, weil sie aus verschiedenen Gründen 2G nicht erfüllen, ist das Schlimmste für einen Unternehmer“, stört sich der Seilbahn-Chef. 

Vor Ort habe man alles dazu beigetragen, dass Tourismus sicher stattfinden kann – teilweise über das verordnete Maß hinaus. Praktikable Lösungen wie das grüne Armband nach einmaliger Kontrolle, das den Zutritt erleichtert und später in der ganzen Region übernommen worden war, geben die Richtung vor. „Wir halten uns an die Maßnahmen, auch wenn wir sie teilweise für völlig überzogen halten. Manche Richtlinien gehören einfach abgeschafft“, fordert Bernd Scharfegger, der weiters kritisiert, dass klare Parameter fehlen. Zum Beispiel, was passieren muss, damit der Grüne Pass nicht mehr gebraucht wird – „oder soll dieser ewig bleiben“?

Der Unternehmer spricht sich daher auch deutlich gegen die Impfpflicht – nicht die Impfung selbst – aus. Gerade zum jetzigen Zeitpunkt und der Entwicklung von Omikron erkenne er darin weder Verhältnismäßigkeit noch Sinn. Für den Hotelier, Seilbahn-Betreiber und Touristiker ist klar: „Für mich war und ist die Rax – und soll sie wieder werden – ein Berg für alle! Plakativ gesagt, sitzen bei uns oben am Berg auf der Panoramaterrasse Politiker, Künstler, Hausfrauen, Handwerker, Menschen mit Migrationshintergrund und Alteingesessene gemeinsam und harmonisch an einem Tisch.“ 

Potenzial für Bergentdecker

An dem Tisch nehmen auch immer mehr Gäste aus Ländern östlich und nordöstlich Österreichs Platz. Im Winter normaler Jahren beträgt der Anteil aus den CEE-Märkten schon bis zu 30 Prozent. Die bleiben heuer zwar aus, dafür konnte man viele neue Besucher vor allem aus dem urbanen Raum begeistern. Von Wien aus ist man in einer Stunde hoch oben in den Bergen, Schneeschuhwandern, auf das man sich hier spezialisiert, boomt, die Wege am Plateau sind bestens erschlossen und man kann sich in freier Natur maskenlos bewegen. Der Ausblick vom Berggasthof ist sowieso sensationell. Scharfegger mit Überzeugung: „Wir können durch unser breites Angebot in der Region noch viel mehr Menschen ansprechen als die spezialisierten Skigebiete.“ 

Ideen für die Zukunft gibt es zur Genüge, in der Schublade liegt ein 140-seitiges Konzept, das auf seine Umsetzung wartet. So sollen vor allem auf der vorderen Rax zwischen Berggasthof, Otto-Haus und in Richtung Seehütte Kraft- und Inspirationsplätze in der Natur geschaffen werden. Als Ideen schwirrt zudem ein Latschenlabyrinth herum, dazu bei der Talstation ein Erlebniswelt-Museum, um nur die wichtigsten Pläne zu nennen. Das Thema Anreise und Mobilität vor Ort wird in der Region gemeinschaftlich und gesamtheitlich angepackt. Endet die Saison als eine gute und sind die finanziellen Mittel vorhanden, soll es relativ bald an die Umsetzung gehen. In vier Jahren steht schließlich schon die 100-Jahr-Feier der Seilschwebebahn an. „Wir sind nicht nur Tourismusunternehmen, sondern auch Erhalter historischen Gutes. Wir haben Verantwortung, dieses Erbe gut in die Zukunft zu führen“, so der Betreiber der größten Seilbahn des Bundeslands.

Es geht nur gemeinsam

Dazu passt, dass am Semmering vieles in Bewegung ist und, wie es Landeshauptfrau Johanna Mikl-Leitner formuliert, der Ort aus dem Dornröschenschlaf erwachen soll. Dort möchte Immobilienunternehmer Christian Zeller bis 2025 das Südbahnhotel mit einem stimmigen Konzept wachküssen und Hotelier Florian Weitzer in Kooperation mit ecoplus, der Wirtschaftsagentur des Landes Niederösterreich, dem Kurhaus als „Grand Semmering“ zu neuem Glanz verhelfen.

Die gestiegene Bettenkapazität und das höhere Gästeaufkommen wird dann auch Richtung Rax strahlen. Und vice versa. Denn auch die „neuen“ Betriebe brauchen das Angebot der Rax als Erlebnisfaktor für ihre Gäste. „Wir sind eine Tourismusregion – Rax, Schneeberg, Semmering bis in die Steiermark hinein – die der Gast zusammen konsumiert“, weiß Scharfegger, der einen Punkt noch erwähnt haben möchte: „Bis der Semmering und die Region die Früchte der Aufbauarbeit ernten, darf man die tüchtigen und lebendigen Betriebe nicht aushungern, sondern muss sie umso mehr unterstützen.“

Was alle Betriebe eint: Auch die neuen werden die Arbeitskräfte nicht aus dem Ärmel schütteln. Frische Konzepte und Angebote, fesche Mitarbeiterwohnungen, Mitarbeitersharing – die Wünsche und Anforderungen kennt man alle. Für Bernd Scharfegger ist klar, dass das alles zusammen notwendig sein, aber alleine nicht reichen wird. Er sieht sich als Fan der gezielten Zuwanderung, „und jeder, der etwas Anderes behauptet, verkennt die Situation. Wir müssen in Österreich internationaler werden.“ Überspitzt formuliert: „Die resche Resi im Dirndl ist ein Auslaufmodell“, das Anzapfen des internationalen Arbeitsmarkts eine Notwendigkeit, um die Herausforderungen der Zukunft zu bewältigen. 

Die beste Symbiose

Leichter wird es sicher nicht, ein Selbstläufer keinesfalls. Bernd Scharfegger ist trotzdem überzeugt, dass der kommende Sommer eine „grandiose Saison“ wird, die im Ausflugs- und Kurzurlaubssegment deutliche Zuwächse bringt. Die Verbindung von Berg, Natur und Kultur – nach zweijähriger Covid-Pause finden unter der neuen künstlerischen Leitung Maria Happel wieder die Festspiele in Reichenau statt – ergänzt mit der Nähe zu Wien ist „die beste Symbiose überhaupt“, zeigt sich Scharfegger begeistert. „Die Zukunft wird genial.“

www.raxalpe.com/de
www.raxalpenhof.com/de


Über Bernd Scharfegger

Aufgewachsen in Reichenau an der Rax, besuchte Bernd Scharfegger (Jg. 1983) die Bundeslehranstalten für Tourismus am Semmering und schloss die Ausbildung zum Tourismuskaufmann ab. Praxiserfahrung in Gastronomie, Hotellerie und Tourismus sammelte er im Hotel Seewirt Velden sowie Austria Trend Hotel Ananas und Hotel Imperial. In den USA war er im Embassy Suites Hotel der Hilton group in Denver an der Rezeption, F&B sowie im Verkauf Reservierung engagiert. Bei Arcotel Hotels sammelte er im Verkauf MICE Erfahrung. Ab 2009 war der zweifache Vater in der Rax Betriebs- und Verwaltungs GmbH und Österreichische Bergbahnen GmbH – jetzt Scharfegger's Raxalpen Resort (Scharfegger Holding GmbH) – tätig und ist seit dem Vorjahr Eigentümer.

bernd.scharfegger@raxalpe.com

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