Willys Gastro-Wochenrückblick: Wuchtelpa... Plus Artikel
 
Willys Gastro-Wochenrückblick

Wuchtelparade

Markus Wache
Willy Zwerger: "Wurde dann in einer Schüssel etwas Mehl, ein Ei, Zucker und eine Prise Salz zusammengefügt und die Butter-Milch-Germ-Mischung hinzugefügt, alles zu einem glatten Teig verrührt und mit einem Tüchlein zugedeckt rund eine dreiviertel Stunde an einem warmen Ort in Ruhe gelassen?"
Willy Zwerger: "Wurde dann in einer Schüssel etwas Mehl, ein Ei, Zucker und eine Prise Salz zusammengefügt und die Butter-Milch-Germ-Mischung hinzugefügt, alles zu einem glatten Teig verrührt und mit einem Tüchlein zugedeckt rund eine dreiviertel Stunde an einem warmen Ort in Ruhe gelassen?"

Heute gehts in Willy Zwergers Kolumne um das Hawelka, seine Wuchteln und um neue Konzepte.

Ihnen kann ich es ja verraten. Ja, auch ich verbrachte meine halbe Studentenzeit im legendären Wiener Café Hawelka, genoss die mürrischen Ansagen vom oidn Hawelka, die stets beschwichtigenden Worte seiner Frau, das damals bereits völlig „abgefuckte“ Interieur, die in unendlich vielen Schichten übereinander geklebten Plakate von Konzerten, Lesungen und Kabarettvorstellungen, die stickige, vom Rauch geschwängerte Luft und all das bunte Pack an sonderbaren Menschen wie mich. Danzers berühmten Nockerten habe ich hingegen nie zu Gesicht bekommen. Ihn selbst sehr wohl.

Selbstverständlich war ich auch aus kulinarischen Gründen im Hawelka. Man bekam guten Kaffee und vor allem jeweils so gegen Mitternacht Wuchteln mit Marillenmarmelade gefüllt und in Vanillesauce schwimmend. Wuchteln, wohlgemerkt, und nicht wie viele andere sie profan als Buchteln titulierten. Denn diese waren wahrlich eine Wucht und keine Bucht, aber das nur nebenbei und zur Erklärung.

Wann immer also dieses wunderbare Hefegebäck aus der Küche kam, herrschte große Aufregung bei den Gästen. Haben sie es wieder genauso hinbekommen wie gestern und vorgestern, wurde auch heute ganz sicher Butter in einem Topf geschmolzen und dann Milch hinzugefügt, der Topf vom Herd genommen und die Hefe eingerührt? Wurde dann in einer Schüssel etwas Mehl, ein Ei, Zucker und eine Prise Salz zusammengefügt und die Butter-Milch-Germ-Mischung hinzugefügt, alles zu einem glatten Teig verrührt und mit einem Tüchlein zugedeckt rund eine dreiviertel Stunde an einem warmen Ort in Ruhe gelassen?

Meanwhile konnte ja der Wuchtel-Kreateur die anstehenden Frankfurter mit Senf und Kren oder Gulaschsaft zubereiten oder in der Pause das eine oder andere Zigaretterl durchziehen. Denn bald ging es weiter in der Hawelkaesken Wuchtelproduktion. Jetzt wurde der Teig in zwölf gleichmäßige Teile separiert, jedes Teil glatt gedrückt, mit einem Löfferl Marillenmarmelade gefüllt und zugeklappt. By the way, im Hawelka konnte man sicher sein, dass man dafür ausschließlich mit gutem Rum angereicherte Marmelade verwendete.

Nun galt es, eine Auflaufform mit Butter auszufetten und die Teigstücke eng aneinandergekuschelt mit der zusammengeklappten Seite nach oben in die Form geben. Dann ins Backrohr schieben und bei 200 Grad Celsius in etwa 30-40 Minuten goldbraun backen, so lautet das Gesetz.
Die Vanillesauce ging jetzt sehr schnell. Milch, Zucker und Puddingpulver in einem Topf erhitzen, schaumig rühren und fertig.

Jahrzehntelang spendeten wir enthusiastischen Applaus, wenn die Wuchtelparade begann, ähnlich wie Urlaubsgäste im soeben gelandeten Charterflieger auf Malle. Mittlerweile hat sich das dramatisch geändert. Das Hawelka ist ein Nichtraucherlokal geworden, eine neue Generation ist am Ruder und die Speisekarte hat sich Richtung Mehlspeisen-Vielfalt geändert, obwohl es die berühmten Wuchteln nach wie vor gibt. Der auch heute noch formidable Kaffee stammt noch immer aus der hauseigenen Rösterei und die alten Bilder an den Wänden zeugen stumm und vergilbt von früheren Zeiten. Irgendwie kommt automatisch so etwas wie Nostalgie und Wehmut auf. Wer das, so wie ich, gerne mag, geht rein, sucht sich ein Platzerl und atmet das Gestern in großen Atemzügen ein. Er wird nicht enttäuscht werden.

Moderne Wuchtelparaden-Konzepte sehen jedoch anders aus. Du spazierst in ein dementsprechendes Lokal, suchst dir ein Platzerl und wählst aus einer Wuchtelkarte eine dir genehme. Dann kommt ein Kellner-Harlekin und erzählt dir einen Witz. Sicher auch ganz lustig. Ich weiß jetzt nur nicht, für wen.

redaktion@hotelundtouristik.at

Themen
Willy Zwerger
stats