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Frisch serviert

Die Fürsten der Finsternis

Bild: Andreas Kolarik
Ein Kommentar von HGV PRAXIS-Chefredakteur Axel Schimmel.
Ein Kommentar von HGV PRAXIS-Chefredakteur Axel Schimmel.

Strom ist teuer und die Versuchung, Beleuchtungen abzuschalten, liegt nahe. Nur: Bei Denkmälern und Sehenswürdigkeiten beginnen wir am falschen Ende. Ein Kommentar von Axel Schimmel.

Die Berliner Siegessäule: ein schwarzer Dorn in der Finsternis. The London Eye: steht wie ein zu lange gebackener, löchriger Keks am Ufer der Themse. Die Gloriette über Schönbrunn: wie ein dunkler Hornkamm von Hartmann auf noch dunklerem Grund. Wolfgang Amadeus auf dem Salzburger Mozartplatz: ein Schatten seiner selbst, zumindest was die Statue betrifft. Das Jagdstandbild von Kaiser Franz Joseph in der Kaltenbachau zu Bad Ischl: zappenduster und nicht mal schematisch auszumachen; fast schon gefährlich, sich an dem zu Boden liegenden Bronze-Hirschen zu verletzen. Den Denkmälern und Sehenswürdigkeiten wurde das Licht abgedreht, einfach so.

Die Stromsparwut setzt am falschen Ende an

Natürlich nicht nur einfach so. Im Wettlauf, welche Bürgermeisterin, welcher Bürgermeister am emsigsten das Licht abdreht, will momentan jeder der erste sein. Wobei dieser Wettlauf zu einem Gutteil verständlich ist. Neben dem Sprit- werden bald schon die Strompreise explodieren und all jenen, die Rechnungen zu begleichen haben, die Stirn in Falten legen. Was liegt also näher? Zu sparen oder mit dem Status quo fortzufahren. Natürlich ist ein unbeleuchtetes Denkmal ein Signal, aber wird dadurch auch viel eingespart? Sollte es stimmen, dass die Einsparung unbeleuchteter Sehenswürdigkeiten in der deutschen Bundeshauptstadt Berlin lächerliche 600.000 Kilowattstunden einspart, dann ist das der Jahresverbrauch von nicht einmal 140 Haushalten und somit zu vernachlässigen; in einer Metropole mit 3,7 Millionen Einwohnern.

Handel, Werbung, öffentliche Flächen

Wo es wirklich ans Eingemachte geht sind öffentliche Flächen, alle Haushalte, aber auch im Handel und in der Werbung. Warum muss eine Tankstelle mit fünf Waschboxen mit einem Lichtinferno wie ein Volksfest um zwei Uhr morgens eine verbilligte Schaumpolitur um 8,90 Euro anpreisen? Dafür habe ich kein Verständnis, um nicht zu sagen, es ist sinnlos. Erstens sieht es keiner und zweitens wäscht niemand um diese Zeit seinen Wagen, weil selbst der SB-Betrieb geschlossen ist.

Im Handel ist es noch ärger. Natürlich ist im Match um Marktanteile der vorne, dessen Botschaften am lichtschreiendsten ins Volk gedonnert werden, aber muss das auch in einer Kernzeit von 23.00 Uhr bis fünf Uhr morgens sein? Nicht wirklich. Wobei hier die größeren Einsparungspotenziale sicher innerhalb der Supermärkte liegen. Ob Sichtkühlschränke, die nachts sinnlos laufen oder Lüftungen oder TK-Vitrinen; Experten haben errechnet, ein Grad weniger Kühlleistung würde sechs bis sieben Prozent weniger Strombedarf ergeben. Grob gerechnet gibt es in Österreich über 5000 Supermärkte und knapp 2000 Tankstellen, Einkaufszentren, Baumärkte, Möbelhäuser und Gartencenter nicht mitgerechnet. Jeder kann dieses (Einsparungs-)Potenzial ermessen. Werbetafeln oder Kreisverkehre, die in aller Regel sowieso nur ausgesuchte Scheußlichkeiten zu erhellen haben, könnte mein gleich noch dazu abschalten. Es wird niemanden fehlen, das verspreche ich.

Lichtsparer sind sichtbarer

Natürlich kann ich diese Branchen nicht zum Stromabschalten zwingen im Gegensatz zu einem Bürgermeister, der als neuer Fürst der Finsternis dem Goethe einfach das Licht abdreht, um am nächsten Tag als Sparweltmeister in der Zeitung zu stehen. Drehen wir doch die Konsumtempel etwas leiser oder dimmen ihr Licht, dafür lassen wir unsere Denkmäler, Sehenswürdigkeiten und Nationalheiligen wieder erstrahlen, die im Donnerwetter von Scheinwerfern ohnedies ein Schattendasein führen. Der mittlerweile auch schon verstorbene Verkehrsminister Caspar Einem lancierte 1997 die Kampagne „Lichtfahrer sind sichtbarer“. Ein Slogan, der sich heute im Overkill aus Buntheit, Grellheit und Blendung getrost umkehren lässt: Lichtsparer sind sichtbarer.

Es ist keine Frage: Die größte Energiequelle ist die Energieeffizienz. Und darüber müssten wir noch viel angestrengter nachdenken.

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