News |  Tourismus |  Montag, 07.03.2016

Airbnb - Die dunkle Seite der Buchungsplattform

Plattformen wie Airbnb oder wimdu rücken der Hotellerie gefährlich zu Leibe. Hinter dem freundlichen, weltoffenen Image verbirgt sich eine investoren- und gewinngetriebene Struktur, die gerne beim Verbraucherschutz spart und den Charme der Innenstädte rasant aushöhlt. Eine Bestandsaufnahme bringt Chefredakteur Bastian Kellhofer in der aktuellen Ausgabe.

"Marriott will nächstes Jahr 30.000 Zimmer hinzufügen, das schaffen wir in den nächsten zwei Wochen", Brian Chesky, Airbnb

Knapp 10.000 Euro war Beyoncé der zweitägige Aufenthalt in San Francisco wert. Pro Nacht. Der US-Superstar sang in der Halbzeitpause des Super Bowls vor Millionen von Menschen. Das Ungewöhnliche: Die schöne Sängerin buchte sich nicht in einem der zahlreichen 5-Sterne-Plus-Hotels der Stadt ein, sondern bezog ihre Residenz über die Buchungsplattform Airbnb. Inklusive Gratis-Promotionaktion: Sie bedankte sich artig für den Aufenthalt in der Luxusresidenz, verlinkte die Plattform und sammelte für diesen Facebook-Post 400.000 Likes ein. Auf Nachfrage kommentierte das Unternehmen weder, ob Beyoncé Geld für das Posting bekommen haben soll, noch ob man sie direkt angesprochen habe. Selbstverständlich zeigte man sich aber hocherfreut über das Lob des Superstars. So funktioniert Marketing nach Silicon Valley-Bauweise.

Die Marktkraft explodiert

In einer Finanzierungsrunde hat sich Airbnb laut einem Zeitungsbericht 1,5 Milliarden US-Dollar frisches Kapital besorgt. Mit einer Bewertung von 25,5 Milliarden US-Dollar ist die Online-Plattform eines der wertvollsten Startups. Genug Geld um die Disruption - so nennt man die Zersetzung einer Branche nach der Silicon Valley-Doktrin. Eine Millionen Unterkünfte bietet der Sharing-Riese in 192 Ländern an. Bei diesen Zahlen kann man kaum mehr nicht mehr von einem Startup sprechen. Abrieb ist längst ein weltumspannender Konzern. Und er tritt genauso selbstbewusst auf. Anfang 2014 twitterte Brian Chesky, Gründer und CEO von Airbnb: "Marriott will nächstes Jahr 30.000 Zimmer hinzufügen. Das schaffen wir in den nächsten zwei Wochen." Vergleicht man die größte Hotelkette IHG (gemessen an Hotelzimmern) mit ihren weltweit 710.295 Hotelzimmern, mit der oben genannten Anzahl an Unterkünften auf Airbnb, stellen sich so manchem Hotelier die Nackenhaare auf. Auch wenn Hotelzimmer in der Regel 365 Tage im Jahr bewirtschaftet werden, jedoch vermietete Zimmer und Wohnungen nur eine gewisse Zeit im Jahr vermietet werden können und dürfen, ist die Marktkraft Airbnbs in den letzten drei Jahren explodiert. Das ist die eine, die helle Seite von Airbnb. Auf der anderen forscht Markus Luthe vom deutschen Hotelverband IHA. Akribisch sammelt er Vorfälle, die nicht so ganz ins hippe, weltoffene Bild des Konzerns passen wollen. Luther berichtet auf seinem Blog blog.hotellerie.de von schwedischen Wohnungen, die kurzfristig zu Bordells umfunktioniert wurden, der Klage einer Deutschen gegen Airbnb, die in ihrer Urlaubsunterkunft in den Vereinigten Staaten eine versteckte Kamera entdeckte, Mietwucher, Sexparties, Überfällen und zweifelhaften Versicherungsbedingungen.

Gentrifizierung im Höllentempo

Die dunkle Seite überrennt allerdings den inneren Gedanken der "Sharing Economy" und verkehrt sie in eine "Shadow Economy": Drei Rentnerehepaare mussten aus ihren Wohnungen ausziehen. Fluchtort: Berlin. Die Mieten waren nicht mehr leistbar, das Aus und Ein von täglich neuen Gästen aus allen Kontinenten psychisch nicht mehr aushaltbar für die alten Menschen. Sie wurden an den Stadtrand, in eine große Wohnanlage mit 1.200 "Einheiten" übersiedelt. Dort ist es billiger, einsamer, das nächste Kaffeehaus eine Stunde entfernt, einen Supermarkt mit Schnellimbiss gibt es - gerade noch. In manchen Vierteln in Städten wie Barcelona, Berlin, Paris gibt es bereits bis zu 60 Prozent Airbnb-Wohnungen. Teilweise aus dauerhaftem Leerstand, weil sich die Besitzer zwei oder drei Wohnungen leisten können, weil Menschen über längere Zeit im Ausland arbeiten, immer mehr aber auch Wohnungen, die Investoren gehören, die wieder Shareholder von Airbnb sind. Schleichende Entsolidarisierung, Zerfall sozialen Zusammenhalts, Auflösung kleinteiliger Strukturen - alles ein Prozess. Eine neue Form der Gentrifizierung: auf Kosten öffentlicher Infrastruktur und sozialer Gefüge, die langsam erodieren. Die meisten Airbnb-Touristen und vorübergehend Wohnhafte sind durchschnittliche Menschen, eher jung, eher einkommensschwach und wenig konsumfreundlich. Sie wollen reisen, Menschen kennenlernen.Luthe pocht nicht nur auf eine massive Aufwertung des Verbraucherschutzes, wenn Menschen über Sharingplattformen buchen, sondern auch auf eine juristische Gleichstellung der Anbieter mit den Hoteliers. "Zum einen müssen sich auch Privatvermieter bei den zuständigen Behörden registrieren lassen. Und zum anderen müssen Portale wie Airbnb in die Verantwortung genommen werden, ausschließlich registrierte Vermieter zu listen und diese Daten mit den zuständigen Behörden abzugleichen." Nur so ließen sich die Verhältnisse mittel- bis langfristig wieder in geordnete Bahnen bewegen. Wo Hotels sind, herrschen Regeln, Abläufe, klare Verhältnisse. Auf unterschiedlichen Qualitätsstandards. Aber Hotels müssen öffentliche Auflagen erfüllen - Brandschutz, Sicherheit, Barrierefreiheit, Einhaltung von hygienischen Standards, etc. Hotels müssen Abgaben entrichten und ihre Gäste registrieren. Sie refinanzieren einen Teil der urbanen Infrastruktur: Wasserversorgung, Abfallbeseitigung, öffentliche Beleuchtung, Gesundheitswesen. Bei Airbnb-Vermietungen fällt vieles weg, manchmal auch Steuern, Kurtaxen fast immer. Technische und sicherheitsbezogene Überprüfungen gibt es nicht. Flure, Stiegen, Aufzüge werden erst gewerberechtlich geprüft, wenn es Anzeigen gibt. Wer nichts hat, kann auch nicht sharen. Familien oder Alleinerziehende an oder knapp über der Armutsschwelle können sich nicht leisten zu sharen. Sie sind für die Shareholder auch nicht interessant. Im Notfall kann man sie zum Wegzug zwingen - hinaus in die Peripherie.

Ein Vermieter, ein Profil, 58 Wohnungen

Die Internetseite www.insideAirbnb.com stellt die Vermutung auf, das jene kompletten Wohnungen, die häufig vermietet werden, nicht für Touristen, sondern im Normalfall für Wohnungssuchende gebaut wurden. Die Umwidmung in Hotelzimmer, die bei entsprechender Bewerbung deutlich mehr einbringen als den Mietzins, verschärfe die Verknappung der Wohnfläche in Großstädten und führe langfristig zu einer Ablehnung der Touristen durch die autochthone Bevölkerung.Ein weiteres Spezifikum, das die Website für Wien ausgibt: Zwei Drittel aller Wohnungen, die auf Abrieb angeboten werden, gehören Vermietern, die mehr als ein Objekt anbieten. Die Anbieter sind de facto Unternehmen - mit dem angenehmen Nebenaspekt, dass für die Vermietung weder Steuern noch Ortstaxen anfallen. Diese Tendenz führt den ursprünglichen Gedanken der Sharing Economy, den eigenen Wohnraum an Fremde weiterzugeben ad absurdum. Das Kollektiv "Vienna Living" bietet beispielsweise "voll möblierte moderne Apartments in zentraler Lage für einen kurz- bis mittelfristigen Mietzeitraum als Alternative zum anonymen Hotel" an. Nicht eine Wohnung, sondern - laut insideAirbnb.com - 58 Unterkünfte. "Oscar & Diego" vermieten in Barcelona 68 Wohnungen an Touristen. In Paris stellt der User "Fabien" gleich 143 Appartements zur Verfügung. Den Unterschied zur traditionellen Hotellerie findet man nicht. Mit Tagesvermietungen verdient man wesentlich mehr als mit Dauervermietungen. Aus einem Social Project, einer Idee von jungen Menschen, ist knallhartes Business geworden, das die Langsamkeit, Trägheit und Unvorbereitetheit der Verwaltung und Judikatur ausnutzt. Bis Regeln durchgesetzt werden, vergehen Jahre, Musterprozesse können unendlich in die Länge gezogen werden, Gerichtsort ist zumeist in den USA.

Rettungsversuche

Was sind die Alternativen? Arne Sorenson, CEO von Marriott International (mit "nur" 692.801 Zimmern), gab zu: "Airbnb schafft etwas, was wir nicht tun können. Sie bieten kurzfristig anmietbaren Lebensraum in den hippsten Innenstadtlagen, in denen wir nicht so schnell wachsen können". Marriott's Ansatz, dem Phänomen Airbnb entgegen zu treten: Eine Kollektion von Lifestyle-Hotelmarken wie Renaissance, Edition und Moxy sollen mit modernen Design, lokalen Anpassungen und einer deutlich veränderten Markensprache Millenials ansprechen. Sébastien Bazin, CEO der Accor Hotels Group richtete am Hotelkongress 2016 Anfang Februar ebenfalls einen dramatischen Appell an das Publikum. "Wenn sich das Denken der Branche nicht grundlegend ändern würde, dann werden Hotelketten in der Form wie wir sie heute kennen nicht mehr existieren." Bazin installierte aus diesem Grund ein Führungsgremium aus den größten Talenten seines Unternehmens, die zu den Digital Natives gehören, und gab ihnen Stimmrechte im Aufsichtsrat. Diese zwölf jungen Menschen sollen jede strategische Entscheidung des Unternehmens in Zukunft mittragen und eine digitale Agenda aufsetzen. Erster Schachzug. Die Accor Hotels Group kooperiert mit kleinen und mittelständischen Hotels direkt in den Stadtkernen, dort wo sich die Millenials wohlfühlen und bietet Kunden direkt auf der Accor Homepage an diese Unterkünfte zu buchen.

Von oben nach oben

Und trotzdem sagt Airbnb's Mitgründer Nathan Blecharczyk: "Wir sehen Hotels nicht als Wettbewerber. Wir sprechen Menschen an, die keine Lust mehr auf Zimmerservice haben. Die nach Berlin kommen und sich nicht wie Touristen, sondern wie echte Berliner fühlen möchten." Aber während Airbnb sich, nach außen zumindest, nicht mit den Hotels vergleicht, wird in der Hotellerie heiß diskutiert. In der Gesprächsrunde zum Thema "Sharing Economy: What Can the Hotel Industry Learn From The New Trends And How Can It Benefit?" auf der letzten ITB malte der Querdenker Marco Nussbaum, CEO von prizeotel, ein erschreckendes Zukunftsszenario: Airbnb, mit mehr als 25 Millionen Gästen und einer Masse an höchst wertvollen Nutzerdaten im Hintergrund, könnte sich selbst in den Hotelmarkt einkaufen und somit nicht nur indirekt zum Mitbewerber werden. Die Hotels der Mittelklasse - teilweise auch selbstverschuldet, weil jahrelang nicht oder wenig investiert wurde - sind die ökonomisch Leidtragenden. Müssen zusperren, Personal entlassen. Die Öffentlichkeit muss zahlen. Sharen heißt nicht teilen, sondern überlassen: mit Gewinn und Profit. Sharing kommt nur wenigen zugute: Man nennt sie Shareholder. Der Shareholder Value ist gesichert. Die soziale Maske bracht man irgendwann nicht mehr. Weil alles normal ist. Das bedenklich spannende: Weder Uber noch Airbnb noch andere "Sharingdienste" beruhen auf technischen Innovationen, sind befruchtend für die Zivilgesellschaft. Sie sind lediglich eine neue intelligente Form des Handels, neue Vertriebstechnologien. Und eine neue Umverteilung: Von oben nach oben.

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